Helmstedt – die Geschichte einer deutschen Stadt: Unterschied zwischen den Versionen

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In der NS-Zeit sollte [[1938]] der Heilige entthront werden. Für den Ausbau eines Kameradschafts- und Führersaales im Hause der Gauleitung in Hannover hatte [[Helmstedt]] wie auch andere Städte des Gaues einen Stuhl zu stiften. In die Rückenlehne sollte das Stadtwappen eingelegt werden. Der Betrag von 70 Mark wurde, „obwohl die Haushaltslage der Stadt [[Helmstedt]] jede Sonderausgabe verbietet“, zwar überwiesen, ein solcher Stuhl aber nie hergestellt, denn ein Wappen mit einem Heiligen fand bei der hohen Parteileitung keinerlei Anklang. „Vielleicht findet sich auch für [[Helmstedt]] ein Symbol, das besser der heutigen Zeit entspricht, als das jetzt vorhandene Wappen.“ So kam man in [[Helmstedt]] auf das [[Juleum]] als Motiv für ein neues städtisches Siegel und Wappen. Dr. Hermann Kleinau, seinerzeit Direktor des Braunschweigischen Staatsarchivs in Wolfenbüttel, widersprach der Verwendung eines Gebäudes als Wappen. „Damit würde man der jahrhundertealten Tradition der Stadt, die ihre Wurzeln auch aus der Zeit vor der Universitätsgründung bezieht, nicht gerecht werden.“ Der Krieg verhinderte eine Durchführung dieses Planes, selbst Ministerpräsident Dietrich Klagges riet dem Bürgermeister, das alte Wappenbild nicht aufzugeben. So erwies sich der Heilige auch noch nach vielen Jahrhunderten stärker als die Ideen der damaligen Machthaber.
In der NS-Zeit sollte [[1938]] der Heilige entthront werden. Für den Ausbau eines Kameradschafts- und Führersaales im Hause der Gauleitung in Hannover hatte [[Helmstedt]] wie auch andere Städte des Gaues einen Stuhl zu stiften. In die Rückenlehne sollte das Stadtwappen eingelegt werden. Der Betrag von 70 Mark wurde, „obwohl die Haushaltslage der Stadt [[Helmstedt]] jede Sonderausgabe verbietet“, zwar überwiesen, ein solcher Stuhl aber nie hergestellt, denn ein Wappen mit einem Heiligen fand bei der hohen Parteileitung keinerlei Anklang. „Vielleicht findet sich auch für [[Helmstedt]] ein Symbol, das besser der heutigen Zeit entspricht, als das jetzt vorhandene Wappen.“ So kam man in [[Helmstedt]] auf das [[Juleum]] als Motiv für ein neues städtisches Siegel und Wappen. Dr. Hermann Kleinau, seinerzeit Direktor des Braunschweigischen Staatsarchivs in Wolfenbüttel, widersprach der Verwendung eines Gebäudes als Wappen. „Damit würde man der jahrhundertealten Tradition der Stadt, die ihre Wurzeln auch aus der Zeit vor der Universitätsgründung bezieht, nicht gerecht werden.“ Der Krieg verhinderte eine Durchführung dieses Planes, selbst Ministerpräsident Dietrich Klagges riet dem Bürgermeister, das alte Wappenbild nicht aufzugeben. So erwies sich der Heilige auch noch nach vielen Jahrhunderten stärker als die Ideen der damaligen Machthaber.
== Die Helmstedter Buchdrucker (S. 494–505) ==
:''„Mehr als das Gold hat das Blei die Welt verändert – und mehr als das Blei in der Flinte, das Blei im Setzkasten.“''
::– Georg Christoph Lichtenberg ([[1742]] bis [[1799]], seit [[1769]] Professor in Göttingen)
Bei der zutreffenden Bedeutung dieser Zeilen und bei dem schon durch die [[Universität Helmstedt|Universität]] nicht geringen Beitrag unserer Stadt zu diesen Veränderungen ist es gerechtfertigt, auch in einer Stadtchronik an die hiesigen Buchdrucker zu erinnern.
Johann Gutenberg (um [[1400]] bis [[1468]]) gilt als der Erfinder des Druckens mit beweglichen Lettern. Bis zur Einführung des Offsetdrucks bedienten sich die Drucker im Prinzip seines Verfahrens. Vor Gutenberg mussten Bücher zur Verbreitung ihres Inhalts abgeschrieben werden. Das geschah hauptsächlich hinter den Mauern der Klöster, ein Mönch diktierte und mehrere Mönche schrieben mit. Eine einzelne Seite wurde auch schon früher dadurch „gedruckt“, dass man aus einem Stück Holz erhabene Buchstaben schnitzte und so eine Druckplatte herstellte. Diese Platte ließ sich allerdings nur einmal verwenden. Aus Mainz ist für das Jahr [[1454]] mit Ablassblättern der früheste Druck nachgewiesen. Zwei Jahre später kam die berühmte Gutenberg-Bibel auf den Markt. Die Initialen wurden im 15. Jahrhundert noch mit der Hand gemalt.
Da es noch keine Zeitungen gab, wurden die „neuesten“ Nachrichten auf Flugblättern gedruckt. Der Inhalt wurde von der Obrigkeit vor dem Stadthaus oder von den Fernhandelskaufleuten auf den Marktplätzen der Bevölkerung vorgelesen, denn lesen konnten höchstens 10 % der Stadtbevölkerung, auf dem Dorf wohl nur der Pastor und, sofern es ihn gab, der Lehrer. Durch diese Flugblätter verbreiteten sich auch die Gedanken Martin Luthers. Ohne Gutenberg wäre Luther wohl ein unbekannter Mönch geblieben. Der rapide Anstieg der Flugschriften und die Steigerung ihrer Verbreitung um das Tausendfache ist nachgewiesen.
Im Jahre [[1471]] gab es mit Augsburg, Bamberg, Basel, Köln, Mainz, Nürnberg und Straßburg nur sieben Städte mit einer Druckerei, neun Jahre später hatte sich die Anzahl auf 24 erweitert, darunter war Magdeburg. [[1530]] gab es schon 63 Druckereien in entsprechend vielen Städten, darunter nun auch in Braunschweig.<ref>Autorenkollektiv: ''Alteuropäische Schriftlichkeit'', Kurseinheit 7, S. 8, herausgegeben von der Fernuniversität Hagen 1987</ref>
Die Druckkunst hat in [[Helmstedt]] durch [[Jacob Lucius der Ältere|Jakobus Lucius]], der [[1579]] von Rostock hierher gekommen war, im Zusammenhang mit der Gründung der [[Universität Helmstedt|Universität]] begonnen. Nach Wilhelm Eule<ref>Wilhelm Eule: ''Helmstedter Universitätsbuchdrucker'', Helmstedt 1921, S. 14</ref> soll er sich in dem Haus [[Kybitzstraße]] 5 niedergelassen haben. [[Robert Schaper]]<ref>[[Robert Schaper]]: ''Das Helmstedter Häuserbuch'', Helmstedt 1974 unter Kybitzstraße 5</ref> hat dagegen festgestellt, dass das heutige Grundstück seinerzeit mit zwei Häusern bebaut war. [[1587]] hat [[Konrad Gerdener]], dessen Haus gegenüber dem [[Ratskeller (Helmstedt)|Ratskeller]] gestanden hatte und abgebrannt war, diese beiden Häuser in einer Hand vereinigt, sie abreißen und das heute noch stehende Gebäude errichten lassen. Er war, wie sein Vater, [[Liste der Bürgermeister von Helmstedt|Bürgermeister]] in [[Helmstedt]] gewesen. Das Wappen des Vaters, [[Hans Gerdener]], befindet sich mit den Initialen BHG am [[Rohr’sches Haus|Rohrschen Haus]], der Name des Sohnes steht am Taufbecken von [[St. Stephani (Helmstedt)|St. Stephani]]. So ist es wahrscheinlicher, dass schon wegen der notwendigen Größe einer Druckerei [[Jacob Lucius der Ältere|Jakobus Lucius]] seine Tätigkeit im Haus [[Beguinenstraße]] 9 begonnen hat. In jedem Fall ist er einige Jahre nach seinem Eintreffen in [[Helmstedt]] dort eindeutig nachgewiesen. Dieses Haus muss es dann gewesen sein, das er mit den 500 Talern erwarb, die der Herzog ihm gegeben hatte.
[[Jacob Lucius der Ältere|Lucius]] stammte aus Siebenbürgen, Hermannstadt oder Kronstadt soll sein Geburtsort gewesen sein<ref>Iris Schrader: ''Der Helmstedter Universitätsbuchdrucker Jacobus Lucius I. und seine Nachkommen'' in ''Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der Vereinigung Ehemaliger Helmstedter Gymnasiasten'', Helmstedt 1950</ref> Über Nürnberg, Wittenberg (ab [[1556]]) und Rostock (etwa ab [[1577]]) war er nach [[Helmstedt]] gekommen. In Nürnberg mag er sich in der Druckkunst vervollkommnet haben, in den beiden anderen Städten hat er sie beruflich bereits ausgeübt. Mit Schulden hatte er Wittenberg verlassen, mit Schulden verließ er auch Rostock. Der berühmte Rostocker Professor David Chytraeus empfahl ihn dem Herzog Julius. Sechs Drucke sind bereits aus dem ersten Jahr seiner Tätigkeit bekannt. Der Berliner Bibliothekar Dr. [[Max Joseph Husung]] (verstorben 17. September [[1944]] in [[Helmstedt]]) hat sie nachgewiesen. Aber [[Jacob Lucius der Ältere|Lucius]] war nicht nur Drucker, er war auch als Formschneider Künstler. Er stattete seine Werke mit Holzschnitten aus, die ihm den Respekt nicht nur seiner Zeitgenossen einbrachten<ref>Iris Schrader: ''Der Helmstedter Universitätsbuchdrucker Jacobus Lucius I. und seine Nachkommen'' in ''Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der Vereinigung Ehemaliger Helmstedter Gymnasiasten'', Helmstedt 1950</ref>. [[Jacob Lucius der Ältere|Lucius]] starb [[1597]] an der Pest, mit ihm seine Frau und fünf seiner Kinder. Sein Sohn Jakobus Lucius II. kehrte aus Hamburg, wo er eine eigene Druckerei betrieben hatte, zurück. Er setzte das Werk seines Vaters fort. Er starb aber bereits [[1616]]. In den fast 19 Jahren seines Wirkens als Inhaber der Offizin (Werkstatt einer Druckerei oder einer Apotheke) stellte er viele Drucke her. Ob auch ein ganz besonderes Druckerzeugnis bei ihm erschienen ist, ist nicht sicher, ein Nachweis würde ihm und [[Helmstedt]] hohen Ruhm bringen. Es handelt sich dabei um den „Aviso“, die älteste Zeitung Norddeutschlands, erschienen [[1609]] und nach Meinung des Zeitungsforschers Dr. Schoene die älteste der Welt überhaupt. Im süddeutschen Raum gab es seit [[1609]] die in Straßburg gedruckte „Relation“, wobei jedoch angenommen wird, dass der „Aviso“ als Wochenzeitung schon vor [[1609]] herausgegeben wurde<ref>Erich Schrader: ''Ist der Aviso, die älteste norddeutsche Zeitung, in Helmstedt gedruckt?'' in ''Festschrift der Vereinigung Ehemaliger Helmstedter Gymnasiasten'', 1950</ref>. Aber im Gegensatz zur „Relation“ ist der Druckort der ersten Jahrgänge des „Aviso“ nicht bekannt, ab [[1615]] ist er mit Wolfenbüttel nachgewiesen. Auf [[Helmstedt]] wurden die Zeitungsforscher aufmerksam, weil die Zierstücke des ersten Jahrgangs Löwenköpfe in verschiedenen Ausführungen zeigen, die denen sehr ähneln, die Jakobus Lucius II. in seinen Druckwerken verwandte. Nun hat man zwar in Wolfenbüttel derartige Zierstücke auch gefunden, allerdings könnte wiederum die Vignettenfülle (Verzierung auf Buchtitelseiten, am Rand oder bei Anfangsbuchstaben im Text) der ersten beiden Jahrgänge dieser Zeitung, also [[1609]] bis [[1610]], – von [[1611]] bis [[1612]] besitzen wir nichts, von [[1610]] nur die Abschrift einer Titelseite, von [[1614]] lediglich das Titelblatt einer einzigen vorhandenen Nummer – auf Jakobus Lucius II. verweisen. Darauf hat jedenfalls Husung hingewiesen und gefolgert, dass zumindest diese Schmuckstücke hier bei uns entstanden sein könnten und dass [[Helmstedt]] somit einen Beitrag zur ältesten Zeitung der Welt geleistet hätte.
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Nach dem Tode von Jakobus Lucius II. bekam die Druckerei mit Henning Müller d. A. einen Geschäftsführer, sie blieb dadurch der Familie erhalten. Von 1634 bis 1639 führte sie Jakobus Lucius III. Eine Enkelin des Firmengründers heiratete mit Henning Müller d. J. (lebte von 1607 bis 1675) einen Sohn des Geschäftsführers. Er setzte das Unternehmen fort und verlegte es zur Neumärker Straße 5. Der Nachfolger Heinrich David Müller war sein ältester Sohn. Mit ihm starb 1680 diese Familie im Mannesstamm aus. Die Druckerei samt Grundstück kaufte 1681 Georg Wolfgang Hamm. Er war aus Hof, wo er 1649 geboren wurde, zugewandert und 1715 in Helmstedt verstorben. Er und sein Sohn Hermann Dietrich betrieben die Druckerei bis 1723. Dies war das Todesjahr des Hamm jun. Dessen Erben hielten den Betrieb noch 10 Jahre bis 1733 aufrecht. Das Haus Neumärker Straße 5 wurde an einen Handelsmann veräußert, die Druckerei übernahm nun Johann Drimborn aus Köln, wohnhaft Langer Steinweg 1, ab 1763 Böttcherstraße 5. Drimborn war 1700 in Köln geboren, er war katholisch gewesen und 1723 zum lutherischen Bekenntnis konvertiert. Er war viele Jahre Stadthauptmann in unserer Stadt, also Vorsteher in einem der vier Stadtviertel. Drimbon gab die Druckerei schon einige Zeit vor Seinem Tode Anfang 1760 an Johann Heinrich Kühnlin aus Tübingen (wohnhaft Kybitzstraße 4) ab. Nach dessen Ableben am 22.12.1800 vereinigte sich diese Druckerei mit der des Sigismund David Leuckart. Diese war von den insgesamt vier Helmstedter Druckereien die drittälteste. Jakob Müller aus Stettin hatte sie 1661 gegründet und durch Übernahme der zweiten Helmsted-ter Druckerei 1672 erweitert. Diese zweite Druckerei hatte der Helmstedter Gelehrte und Theologe Georg Calixt 1629 ins Leben gerufen. Er hatte sie schon fünf Jahre später an Henning Müller dem wir bereits in der kurzen Geschichte der Buchdruckerei des Lucius begegnet sind, über. tragen. 1658 bernahm sie für zwei Jahre Johann Georg Täger zusammen mit Martin Vogel. Vor 1660 bis 1672 war dann Henning Müller der Jüngere (gestorben 1675) Pächter. Er betrieb die Offizin neben der die er von der Dynastie Lucius übernommen hatte. 1672 gab er sie an Jako Müller aus Stettin ab - nicht verwandt mit dem Verkäufer -, der bereits in gleicher Tätigkeit seit 1661 in Helmstedt wirkte.
Um diese Zeit gab es hier drei Druckereien: Die erste, die Lucius gegründet hatte und die über die Generationen Müller und Hamm zu Drimborn und Kühnlein führt und 1800 geendet hat, die zweite von Georg Calixt, die sich mit der von Jakob Müller 1661 errichteten Druckerei 1672 vereinigte und über verschiedene Familien schließlich 1801 zu den Leuckarts und dann zu den Schmidts bis in unser Jahrhundert reicht, und als dritte die von Schnorr (ab 1680), die von dem letzten Inhaber Fleckeisen nach Schließung der Universität 1811 nach Heiligenstadt und 1815 nach Duderstadt verlegt wurde. Vor allem durch Druck und Herausgabe von Büchern und Schriften der Professoren und von Dissertationen der Studenten fanden diese Druckereien Arbeit und damit eine Existenz.
Zu der Druckerei Calixt-Müller: Sie kam über die Familien Hess (1681 bis 1725) und Buchholz (1725 bis 1739) an den in der Thomas-Müntzer-Stadt Stolberg/Harz 1712 geborenen Rats-buchdrucker und späteren Senator der Stadt Helmstedt Michael Günter Leuckart.
Von seinen Söhnen erlernte der 1748 geborene Frank Ernst Christoph Leuckart ebenfalls den Beruf des Buchdruckers. Er ging später nach Breslau und gründete dort ein entsprechendes Un-ternehmen, das 1870 nach Leipzig und nach 1945 nach München verlegt wurde. Es besteht heute als ein angesehener Musikalienverlag weiter.
Ein weiterer Sohn, Sigismund Christian David Leuckart, führte - der Vater war 1792 verstorben - die Druckerei auch nach dem Ende der Helmstedter Universität weiter. 1809 erschien bei ihm a „emstädtsches Wochenblatt" die erste regelmäßig wiederkehrende Helmstedter Zei-tung. Sie gab es zunächst einmal in der Woche als Sonntagsblatt.
Von seinen Kindern wurde der 1794 geborene Friedrich Andreas Sigismund, verstorben 1843, ein bedeutender Zoologe an der Universität Freiburg, Johann Rudolf Gottfried L. dagegen Buchdrucker. Er übernahm die Druckerei schon 1826 und führte sie bis zu seinem Tod am 15.03.1840. Er ist der Vater des am 07.10.1822 geborenen Rudolf Leuckart. Dieser studierte in Göttingen Medizin und Naturwissenschaften. 1850 wurde er Professor in Berlin. Ab 1870 war er bis zu seinem Tode am 06.02.1898 Ordinarius an der Universität Leipzig. Er entdeckte die Trichinen und sorgte damit für die obligatorische Trichinenschau bei Schweinen nach jedem Schlachtvorgang. Nach ihm wurde die Leuckartstraße benannt.
Nach 1840 stand die Druckerei, da kein Familienangehöriger sie übernehmen wollte, acht Jahre lang unter vormundschaftlicher Verwaltung des Kaufmanns Eduard Dorguth und des Dr med. Kratzenstein. Die technische Leitung oblag später dem Buchdrucker Johann Christian Schmidt, geboren 1802 in Heiligenstadt (Eichsfeld). Er übernahm 1848 die Firma und mietete zugleich für sie Räume auf dem Grundstück Heinrichsplatz 5. Damals gab es allerdings diesen Platz noch nicht, auf ihm stand das landwirtschaftliche Anwesen des Heinrich Meinecke. Vorher lag die Druckerei auf dem Grundstück Kirchstraße 3. 1867 starb J. C. Schmidt. Seine Witwe Dorothee geb. Lübke aus Harbke setzte mit dem ältesten Sohn Albert, geb. 1843, sein Werk fort. Sie kauften 1871 für die Firma das Grundstück Heinrichsplatz 5. Haupteinnahmequelle der Druckerei war weiterhin die zeitung. Aus dem Wochenblatt von 1809 wurde 1815 die „Helmstädtsche Zeitung“. Sie erschien mittwochs und sonnabends. Format (21 x 16 cm) und Umfang (acht Seiten) waren geblieben. Ab 1847 gab es sie als „Helmstedter Zeitung“, aber weiterhin nur sonnabends und mittwochs. Das änderte sich im Laufe des Jahres 1848, sie erschien einschließlich sonntags fünfmal in der Woche. Neu war auch, daß politische Nachrichten auf die ersten Seiten rückten und amtliche Bekanntmachungen auf der letzten Seite plaziert wurden. Meldungen aus aller Welt erschienen jetzt schneller. Hatte es 1821 noch sechs Wochen gebraucht, um den Tod Napoleons am 05.05. auf der Insel Helena im Atlantik zu melden, so wurden die allerdings auch schon vom Örtlichen her näher liegenden Nachrichten über die März-Revolution 1848 in Berlin nach wenigen Tagen gebracht. - Von 1862 an hieß die Zeitung „Helmstedter Kreisblatt“, und dies bis zu ihrem Ende 1941. Erscheinungstage: Montag, Mittwoch und Freitag, das Format war jetzt 34 x 20 cm. 1877 nahm sie das auch heute noch allgemein bekannte äußere Erscheinungsbild von 45 x 30 cm an, Erscheinungstage: Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Ab 1887 gab es sie außer sonntags täglich. Von lokalen Dingen erfuhr der Leser jetzt nicht nur etwas durch Anzeigen, eine örtliche Berichterstattung, z. B. über die Sitzungen der Stadtverord-neten, über Gerichtsverhandlungen, über das Vereinswesen und über andere Begebenheiten in der Stadt und im Umland, wurde eingeführt.
Über Albert Schmidt (1843 bis 1904) kam die Druckerei an seinen Sohn Franz. Als er 1922 starb, starb mit ihm auch der letzte Inhaber mit dem Namen Schmidt. Der Firmenname lautete aber weiterhin J. C. Schmidt. Seine Witwe heiratete ein Jahr später den Brauereidirektor Deixel-berger aus Grasleben. Beide führten die Druckerei und damit auch die Zeitung fort. Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus begann für sie eine schwere Zeit. Sie war nicht mehr das amtliche Mitteilungsorgan der Behörden, diese einträgliche Funktion ging auf die NS- „Braunschweiger Tageszeitung“, Ausgabe Helmstedt, über. Auch die Annoncen erschienen jetzt mehr in der genannten nationalsozialistischen Zeitung. Diese nannte sich „Helmstedter Kreiszeitung“ und wurde damit verstärkt ein örtliches Presseorgan der allmächtigen NSDAP. Das Helmstedter Kreisblatt vegetierte noch bis 1941 so dahin. Der Mangel an Papier im dritten Kriegsjahr war ein den Behörden sicherlich nicht unwillkommener Anlaß, die endgültige Aufgabe dieser Zeitung durch den Verlag zu veranlassen. Frau Deixelberger verwitwete Schmidt starb 1953 kinderlos. Ihr zweiter Ehemann war bereits 1935 verstorben.
Das Ende der NS-Herrschaft April/Mai 1945 brachte auch das Ende der Helmstedter Partei-zeitung. In ihren letzten Tagen bestand sie nur noch aus ein bis zwei Blättern. Am 12.10.1945 erschien Nr. 1 der „Braunschweiger Neuen Presse“ mit dem Untertitel „Nachrichtenblatt der allierten Militärregierung“. Aus ihr wurde mit dem 08.01.1946 die „Braunschweiger Zeitung“ Sie war die erste Zeitung in der damals britischen Zone, die unter der verantwortlichen Leitung einer ausschließlich deutschen Redaktion stand. Der Zusatz „Nachrichtenblatt ..“ wich dem Untertitel „veröffentlicht unter Zulassung Nr. 2 der Militärregierung“. Diese Zeitung erhielt im Laufe des Jahres 1946 auch einen bescheidenen Helmstedter Teil, der aber immer mehr ausgeweitet wurde. Heute gibt es sie unter dem gleichen Namen mit dem Zusatz „Helmstedter Nachrichten“. • Sie ist die einzige Zeitung, die hier werktäglich erscheint.
Das „Helmstedter Kreisblatt“ erlebte vom 10.11.1949 an im Verlag J. C. Schmidt, Heinrichs-Platz 5, mit der „Helmstedter Allgemeinen Zeitung“ eine Fortsetzung ihrer Tradition. Ab 01.04.1954 hieß sie „Kreisblatt“, man zog vom Heinrichsplatz 5 in das Haus Papenberg 29 (heu-le Deutsche Bank) um. Später kehrte man zum Heinrichsplatz, allerdings jetzt in die Nr. 10 (im Vorderhaus ist heute die Firma ALDI) zurück. Ab 01.01.1970 nannte sich die Zeitung „Helmstedter Anzeiger“. Mit dem 11.10.1975 stellte sie ihr Erscheinen ein, „da eine Wirtschaftlichkeit des Verlags unternehmens nicht mehr gegeben ist“. . Der letzte Chefredakteur, Wolf E. Ebeling, hatte nach seinen Angaben über zwei Jahre allein und persönlich das Risiko tragen müssen.
Zur Dokumentation der wirtschaftlichen Kraft der Stadt erscheinen neuerdings zwei Anzei-genblätter. So gibt es seit dem 29.10.1975 mittwochs den „Helmstedter Blitz', der aber ebenso wie der „Helmstedter Sonntag“ (seit 5.9.1999) nicht in der Tradition der Organe steht, die dem Leser die neuesten Nachrichten vermitteln wollen. Sie bringen ihrem Auftrag entsprechend Anzeigen sowie Berichte über technische Neuerungen jeglicher Art und ausgewählte Reportagen über lokale Ereignisse der verflossenen Woche.
Nach dieser Darstellung der geschichtlichen Entwicklung dreier Helmstedter Druckereien lassen Sie mich zu der Buchhandlung von Fleckeisen, dem Ausgangspunkt unserer Betrachtun-gen, zurückkehren. Sie hatte ihren Ursprung in dem Hallenser Salomon Schnorr, der 1675/1676 von Halle nach Helmstedt gekommen war und hier vier Jahre als Buchdrucker gehilfe gewirkt hat, bevor er 1680 eine eigene Druckerei gründete. Die Blüte der Helmstedter Universität mit den vielen zu veröffentlichenden Schriften machte es möglich. Nach Wilhelm Eule, „Helmsted-ter Universitätsbuchdrucker“ , erschienen 1921, aus dessen Buch ich viele Erkenntnisse zu die- sem Kapitel gewonnen habe, soll diese Druckerei in dem Haus Neumärker Straße 29 gewesen sein (heute Juweliergeschäft). Das dürfte aber nicht zutreffen, denn Salomon Schnorr und sein Sohn Paul Dietrich, der 1723 das Geschäft seines Vaters übernahm, waren in jedem Fall Eigentümer des Hauses Heinrichsplatz 11. Dort dürfte zu jener Zeit die Druckerei gewesen sein. Es handelt sich um das Haus mit dem Totenschädel über dem Eingang. Salomon Schnorr starb 1726. Als 1734 Paul Dietrich Schnorr die Schuhstr. 11 (Hoflager Heinrich Julius') erwarb, wird in dieses geräumige Haus die Druckerei mit umgezogen sein. Das Haus Neumärker Str. 29 war dagegen von 1721 bis 1792 ein Professorenhaus, bewohnt und im Eigentum der Professoren August von Leyser, Timotheus Seidel, Johann Frobese und Johann Ferber. Erst 1792 wurde dann daraus tatsächlich ein Druckereihaus.
Bei Schnorr ist übrigens das bedeutendste buchgewerbliche Erzeugnis, das je in Helmstedt gedruckt wurde, erschienen: Das große vierbändige Prachtexemplar des Professors Hermann von der Hardt über das Konzil zu Konstanz (1414 bis 1418)<ref>Wilhelm Eule: ''Helmstedter Universitätsbuchdrucker'', Helmstedt 1921, S. 43</ref>.
Nach dem Tod von Paul Dietrich Schnorr 1755 übernahm dessen Sohn Johann Gottfried Dietrich die Druckerei. Er starb 1786 noch vor seiner Mutter, diese starb 1795. Die beiden weiteren Kinder waren Töchter, die einen Professor bzw. einen Pastor geheiratet hatten, so daß sich die Mutter nach einem Käufer der Offizin umsehen mußte. Sie fand ihn in dem seit 1782 in Helmstedt lebenden und aus Roßwein/Sachsen zugewanderten Karl Gottfried Fleckeisen. Dieser Betrieb ist zusammen mit einer Buchhandlung in dem Haus Neumärker Straße 29 nachzuwei-sen, denn Fleckeisen hatte das Grundstück 1792 von der Witwe des Professors Ferber für 2.000 Taler erworben. Er hatte so viele Aufträge, daß er noch bei Leuckart in der Kirchstraße drucken lassen mußte. Dennoch hinterließ er, als er 1814 starb, seinen zwei Töchtern und seinem Sohn - die Ehefrau war bereits 1804 verstorben - sehr viele Schulden, so daß die Druckerei nicht fortgeführt werden konnte. Der Vormund der Kinder, Ratsherr Leuckart, übernahm sie für 1.000 Taler für seinen eigenen Betrieb, die Buchhandlung dagegen blieb bestehen. Sie wurde von dem Schwiegersohn, dem Buchhändler Friedrich Samuel Fiedler, ab 1817 weitergeführt. Als Fiedler 1853 starb, mußte der Schulden wegen über den Nachlaß das Konkursverfahren eröffnet werden. Das Grundstück wurde verkauft, die Buchhandlung blieb unter neuem Inhaber als jetzt „Richtersche Buchhandlung“ bis 1933 bestehen.
Zwei Tafeln zieren das Haus Neumärker Straße 29. Die eine erinnert an Professor Dr. jur. August von Leyser. Er ist der Verfasser des im 18. Jahrhundert bekanntesten Erläute-rungswerkes zum Zivilrecht mit dem Titel Meditationes ad pandectas“, eine Kommentierung des römischen Rechts, das war das Zivilrecht der damaligen Zeit, in mehreren Bänden. Leyser lebte in dem Haus ab 1712, 1722 kaufte er es. 1729 folgte er einem Ruf an die Universität Wittenberg. Die zweite Tafel erinnert an Alfred Fleckeisen. Er war der Enkel des Druckereibesitzers und ein Sohn des Justizamtmanns Karl-Wilhelm Fleckeisen, der 1828 in Wolfenbüttel starb. Mit seiner Mutter kam er als Achtjähriger in die Heimatstadt seiner Vorfahren zurück, besuchte hier von 1829 bis 1839 das Gymnasium, machte das Abitur und wurde ein berühmter Altphilologe und Herausgeber der „Neuen Jahrbücher für klassische Philologie“. Er starb 1892 in Dresden.
Ursprünglich war die handwerkliche Kunst des Druckens mit dem kaufmännischen Geschick des Vertriebs in einer Hand vereint. Das änderte sich jedoch bald; der Verleger wurde geboren, wenn es auch Druckereien gab, die den Vertrieb ihrer Erzeugnisse weiterhin in eigener Regie wahrnahmen. Bekannte Verleger in Helmstedt waren z. B. Wolf Heil und vor allem Lue-deke Brandes. Sie waren in mehreren Generationen Pächter des Buchladens an der ehemaligen Augustinerkirche am Markt. Erstmals sind sie 1545 in unserer Stadt nachgewiesen. Sie waren auch als Ratsherr und Bürgermeister tätig gewesen. Luedeke Brandes d. Ä. arbeitete eng mit Jacobus Lucius zusammen. Ihre Namen finden wir noch heute in Helmstedt, so z. B. an dem imposanten Taufbecken in der St. Stephani-Kirche, 1590 von Mante Pelking geschaffen. Unter den fünf Ratspersonen, deren Namen und Wappen am Beckenfuß verewigt sind, befinden sich alle drei Mitglieder der Buchhandels- und Verlegersozietät in Hemstedt, davon zwei Mitglieder der Familie Brandes.<ref>Joachim Lehrmann: ''Die Frühgeschichte des Buchhandels und Verlagswesens in der alten Universitätsstadt Helmstedt sowie die Geschichte der einst bedeutenden Papiermühlen zu Räbke am Elm und Salzdahlum'', Hämelerwald, 1994, Seite 11 ff.</ref> Noch etwas eindrucksvollere Hinweise auf diese Familie finden sich am Beguinenhaus. Im 2. Feld rechts weisen die Großbuchstaben BLB auf den Bürgermeister Luedeke Brandes hin, und das vorletzte Feld erinnert an dessen Vater, Luedeke Brandes d. Ä
Der bedeutendste Helmstedter Verlag im 18. Jahrhundert war der des Christian Friedrich Weygand. Weygand war 1723 aus Meißen/Sachsen nach Helmstedt gekommen<ref>Wilhelm Eule: ''Helmstedter Universitätsbuchdrucker'', Helmstedt 1921, S. 55</ref>. Im Hause Kornstraße 13 eröffnete er eine Verlagsbuchhandlung. Das Haus erwarb er 1742 von den Erben des Professors Cörber. Hier verlegte er Bücher, von 1725 bis 1739 allein über 100 Werke, darunter die berühmte „Sittenlehre der Heiligen Schrift“ des Professors Johann Lorenz Mosheim, die bei Johann Drimborn gedruckt worden war. Weygand besaß das herzogliche Privileg der alleinigen Stadtbuchhandlung. Allerdings hatte die Universität mit Herrn Lohmann einen eigenen Buchhändler, der nach dem Burgdorfer Rezeß vom Mai 1727 als Universitätsangehöriger galt, d. h., er war von allen städtischen Lasten befreit und ihrer Gerichtsbarkeit entzogen. Lohmann hatte seine Buchhandlung im Juleum. Auch um die Stadt Helmstedt machte er sich verdient: 1751 wurde er zum Senator gewählt. Als er 1764 starb, setzte der Sohn Johann Friedrich sein Werk fort, in Helmstedt allerdings nur kurze Zeit. 1767 verzog er nach Leipzig und nahm den Verlag und damit die Firma mit. In der Bücherstadt erwarb sich das Unternehmen hohes Anse-hen. 1773 schrieb Weygand an Goethe und bat um die Überlassung eines Manuskripts, um es verlegen und drucken zu können. Goethe schickte „Die Leiden des jungen Werther“. Dieser Welterfolg erschien 1774 zuerst im Verlag des ursprünglich Helmstedter Verlegers Christian Friedrich Weygand. Der „Werther“ war der Durchbruch im Schaffen des jungen Goethe (1743 bis 1832). Das Unternehmen Weygand ging 1812 an einen anderen Inhaber über. 1838 erlosch das berühmte Verlagshaus, dessen Weg einmal in Helmstedt begonnen hatte.
Auch wissenschaftliche Zeitungen sind in Helmstedt erschienen. So bei P. D. Schnorr „The Helmstat and London Mercury“, und zwar zweimal wöchentlich in der Zeit vom 09.01.1753 bis 06.07.1753, also nur kurze Zeit. Ein halbes Jahr lang, nämlich vom 26.04.1800 bis zum 06.09.1800 gab es einmal wöchentlich das „Wochenblatt für angenehme und nützliche Lektüre“, , verlegt bei Fleckeisen in der Neumärker Str. 29. Dort erschienen auch 1828 sieben Ausgaben der „Horen“, 1835 weiter ein „Conversationsmagazin für Gebildete aus allen Stän-: Exemplare dieser Erzeugnisse des Helmstedter Zeitungswesens sind leider nicht im Stadt-archiv, wohl aber in der Herzog-August-Bibliothek zu Wolfenbüttel und im Nieders. Staatsar-chiv, ebenfalls in Wolfenbüttel, und in einigen Exemplaren auch im Braunschweiger Stadtarchiv am Löwenwall.
Aus dem eigentlichen Bereich der Wissenschaft erschienen von 1722 bis 1728 bei Salomon Schnorr die Annales Academiae Juliae“ sowie vom 13.02.1751 bis zum 25.12.1756 be Leuckart ein „Helmstadtisches Gelehrtes Wochen-Blat“, herausgegeben von dem Theologieprofessor Christoph Timotheus Seidel (geboren 1703 in Schönberg im Brandenburgischen als Sohn eines Pfarrers, verstorben 1758 in Helmstedt und begraben neben der Kanzel der St. Stephani-Kirche), Seidel war in Professur und Generalsuperintendentur Nachfolger des Friedrich Weise (gestorben 1735), Neben zahlreichen Schriften, die er als Professor der Theologie - ab 1730 war er zugleich Abt zu Königslutter - veröffentlichte, wollte Seidel mit diesem Wochenblatt das Ansehen Helmstedts als Stätte der Gelehrsamkeit heben. Auch die neue Helmstedter Schulordnung vom 18. Juli 1755 ist von ihm maßgebend beeinflußt worden. Gewohnt hat Seidel Begui-nenstraße 15, das Haus mußte 1906/07 einem Neubau weichen. Gewissermaßen als Fortsetzung gab es vom 21.03.1761 bis zum 12.03.1763 ein ebentalls wöchentlich erscheinendes Blatt unter dem gleichen Namen, diesmal aber gedruckt bei Johann Drimborn und herausgegeben von dem Professor Johann Franz Wagner. Wagner stammte aus Nesselröden im Eichsfeld, er war zwei Jahre (von 1698 bis 1700) Privatsekretär des Philosophen Leibniz in Hannover. Ihm verdankte er die Übertragung einer Professur in Helmstedt im Jahre 1701. Bis zu Leibniz' Tode im Jahre 1716 in Hannover korrespondierte er mit ihm. Wagner starb 1741 in. Helmstedt. - Professor Gottlob Benedikt von Schirach (geboren 1743, gestorben 1804 in Altona bei Hamburg) gab vom 02.01.1770 bis zum 19.12.1777 die „Ephemerides literariae Helmstadienses“ heraus, sie wurden im Waisenhaus in Helmstedt am Lindenplatz gedruckt. Schirach wurde 1776 durch die Kaiserin Maria Theresia in den erblichen Adelsstand erhoben. Der älteren Lesern noch bekannte NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach, zuletzt Gauleiter von Wien und Mitangeklagter im ersten Nürnberger Prozeß, ist ein Adoptivsohn eines späteren Nachfahren dieses Helmstedter Professors.<ref>Artur Brüggemann: ''Rund um den Juleumsturm'', Helmstedt 1983, Seite 88</ref> Der berühmte Theologieprofessor Heinrich Philipp Konrad Henke war Herausgeber der „Commentarii de rebus novis literariis“, die bei Leuckart zweimal wöchentlich er-schienen, und zwar für die Zeit vom 06.01.1778 bis 1781.
Das eingangs festgehaltene Zitat des Professors Lichtenberg aus Göttingen zeigt Macht, Bedeutung und Einfluß des gedruckten Wortes, denn Gedanken konnten sich nun vervielfälti-gen. Dies war früher so wie heute und wurde auch so erkannt. Deshalb entstand mit der Buchdruckerkunst die Zensur, die früher auch schon angewandt wurde. Diese Zensur hatten auch die Helmstedter Vertreter Gutenbergs zu spüren bekommen. So erinnerten die Herzöge Rudolph August und Anton Ulrich in einem Erlaß vom 11.05.1702 den Magistrat der Stadt Helmstedt daran, daß die Buchdrucker, soweit sie der Jurisdiktion der Stadt unterstanden, angewiesen werden sollten, vor Verbreitung eines Druckwerkes dieses dem Vizerektor und dem akademischen Senat zur „Zensur“ einzuschicken und von jedem Druckwerk ein Exemplar der Universitätsbibliothek kostenlos einzuliefern und später ein weiteres der großen Bibliothek zu Wolfenbüttel zur Verfügung zu stellen. Dies veranlaßte den Drucker Michael Günter Leuckardt, sich darüber unter dem 24.12.1742 zu beschweren, weil, wie er u. a. ausführte, jeder Druck mit Kosten verbunden sei. Die Auflage von Büchern war früher oftmals klein, manchmal nur 100 Exemplare, entsprechend war der Druck teuer und eine kostenfreie Abgabe deshalb besonders drückend. Leuckardt wurde vorgeworfen, seit 1739 mit den Ablieferungen in Rückstand zu sein.
Massiveren Ärger hatten zuvor die Erben Sebastian Buchholz' (gestorben 1732). Dessen Witwe (gestorben 1741) und Tochter Marie Juliane (1703 bis 1783) hatten die Druckerei des Verstorbenen weitergeführt. Hier arbeitete der genannte Michael Günter Leuckardt, bis er schließlich durch Heirat der Tochter am 7. März 1737 das Unternehmen teilweise übernahm. Unter dem 20. Februar 1734 war den Buchholzschen Erben vom kirchlichen Konsistorium zu Wolfenbüttel vorgeworfen worden, es seien „viele und sogar mit gefährlichen und irrigen Princi-piis angefüllte Scripta ohne vorgängige Zensur zum Druck befördert worden ...“ Dem Magistrat wurde aufgegeben, so habt Ihr den unter Eurer Jurisdiction seÿenden Buchdruckern beynahmhafter Strafe den Druck aller Theologischen und insonderheit des Tobias Eislers Schriften, wenn solche nicht vorhero entweder von Fürstl. Consistorio hieselbst oder von der Theologischen Fakultät zu Helmstedt Fürstl. Kirchen-Ordnung gemäß zensiret worden, zu verbieten.“ Welchen Inhalt diese beanstandeten Schrift hatten, ist nicht weiter ausgeführt und auch sonst nicht ersichtlich. Offenbar ist es auch bei der Rüge geblieben. Konkreter war da schon ein Vorwurf gegen den Drucker Drimborn vom Dezember 1738. Es ging um das „Scandaleuse Scriptum eines conversi catholici und itzigen Studiosi theologiae Johann Heinrich Schumacher“. Dieser hatte die biblische Geschichte des Alten und Neuen Testaments in einen Roman gefaßt und Gott als weltlichen Regenten angesehen und Christus als einen Kronprinzen geschildert, der sich für seine Geliebte opfert. Angeblich hatte sogar der Professor der Heiligen Schrift Johann Conrad Schramm (Lindenplatz 3), bei dem dieser Student wohnte, das Werk ohne Beanstandung durchgesehen und es als druckfähigen Roman bezeichnet. Wie die Sache ausgegangen ist, ist nicht weiter überliefert.
Großen Ärger hatte der bereits erwähnte Buchdrucker Salomon Schnorr. Herzog Anton Ulrich rügte in einem eigenhändig von ihm unterschriebenen Erlaß vom 18.04.1711, daß jener ein „scriptum“ des Philosophieprofessors Johann Rempen veröffentlicht habe, ohne es vorher der Zensur vorzulegen. Rempen ist uns bereits in der Geschichte des Klosters St. Ludgeri begegnet. Er stammte aus Paderborn, war dort 1663 geboren und in einem Jesuitenkolleg katholisch erzogen worden. 1707 war er zum lutherischen Glauben konvertiert, nachdem er vorher ein leidenschaftlicher Gegner des Protestantismus gewesen war. Ihm war es höchste Lust, mit der Feder gegen die Evangelische Kirche zu spielen.“ Der Übertritt geschah aus Überzeugung, denn er geriet dadurch in große finanzielle Not. Er erbat eine Professur an der Universität Helmstedt, die ihm 1708 als Lehrer in der griechischen und lateinischen Sprache sowie in der Dichtkunst übertragen wurde. Nach Paul Zimmermann in ADB unter „Rempen“ fiel er in Helmstedt wegen seiner Streitlust und „unangemessenen Opponirens“ auf. Durch den Inhalt seiner Schrift Argu-menta theologica juridica et philosophica“, die 1711 erschien, fühlten sich einige Professoren der Helmstedter Universität beleidigt. Dies war wohl auch der Anlaß der Reaktion des Herzogs. Gewohnt hat Rempen, der unverheiratet blieb, Kornstraße 14, Neumärker Straße 28 und dann zehn Jahre lang Stobenstraße 31.
Salomon Schnorr, um den es hier eigentlich geht, sollte für die unzensierte Herausgabe der Schrift des Professors Rempen 50 Taler Strafe zahlen. Das war damals viel Geld; so erhielt seinerzeit Professor Rudolph Christian Wagner, von 1701 bis 1741 Professor der Mathematik und Physik als Anfangsgehalt lediglich 250 Taler jährlich.
Es ist sicherlich verständlich, daß Schnorr so viel Geld nicht hat aufbringen können. Deshalb wurde bei ihm ein erheblicher Vorrat seiner Bücher gepfändet und in der Stadtvogtei gelagert. Als die Ehefrau nachts mit anderen Kaufleuten von einer Messe kam, wurden ihr am Stadttor sogar eigene Sachen beschlagnahmt und in Verwahrung genommen. Damit war sie in die Sache einbezogen und wurde mit einem gedruckten Brief an den „Durchläuchtigsten Fürsten und Herr/Herrn Anthon Ulrichen, Hertzoge zu Braunschweig und Lüneb. meinem gnädigsten Für-sien und Herrn unterthänigst“ zur Bittstellerin „Unterthänigst demühtigste Magd Ursula Maria Henschlers, Salomon Schnorrns Buchdr. Ehefrau“.
Frauen haben oft Erfolg, und so wurde die Strafe auf 24 Taler reduziert und im Januar 1712 dem Salomon Schnorr die beschlagnahmten Bücher wieder ausgehändigt.
Nicht zu beanstanden hatte das fürstliche Konsistorium acht von dem Helmstedter Lehrer Tobias Eisler eingereichte Schriften. Sie waren in der Zeit von 1732 bis 1734 erschienen und enthielten pädagogische Unterweisungen für den Unterricht in der Heiligen Schrift.
Auch der verehrte Professor und Propst Hermann von der Hardt (1660 bis 1746) geriet in die Fänge der Zensur. Dabei handelte es sich zunächst um eine dann doch akzeptierte Abhandlung über die erst kürzlich erfolgte Heirat des Herzogs Anton Ulrich. Dieser Anton Ulrich, nicht zu verwechseln mit dem 1714 verstorbenen Regenten gleichen Namens, hatte 1739 Anna geheira-tet. Anna war eine Tochter der Katharina von Rußland und des Karl Leopold, Herzog von Meck-lenburg. Katharina wiederum war die Tochter von Iwan II., der von 1682 bis 1689 Zar war, Vorgänger Peters I. des Großen. Aus dieser von Hermann von der Hardt beschriebenen Ehe ist au-Ber einem Peter und einer Katharina ein Iwan hervorgegangen, der als Iwan III. kurze Zeit - von 1740 bis 1741 - regierte. Er hatte vorzeitig abgedankt, um der Zarin Elisabeth (regierte von 174] bis zu ihrem Tod 1762) den Thron freizumachen. Sie war die Gegnerin Friedrichs des Großen im Siebenjährigen Krieg.
Es fanden sich aber bei der Durchsuchung der Druckerei Drimborn noch andere Schriften, die verdächtig waren, wobei der Buchdrucker erklärte, er könne schließlich zum Inhalt nichts sagen, dieser sei teils lateinisch, teils griechisch oder sogar hebräisch, welches er alles nicht verstünde“. Alle Bücher waren harmlos bis auf einen Titel „Theocriti Syrinx quae multis annis situerat“. Alle noch vorhandenen Exemplare wurden deshalb „cashiret“ (beschlagnahmt).
Es waren nicht nur immer Helmstedter Drucke, die beanstandet wurden. Oftmals mußte der Magistrat die Stadtknechte ausschicken, um verdächtige Manuskripte auswärtiger Autoren ein-zusammeln, sofern man sie vorfand. Während die beanstandeten Helmstedter Schriften meistens einen Inhalt hatten, der zu den damaligen religiösen Empfindungen im Widerspruch stand, ging es bei der Literatur aus anderen Orten mehr um den „revolutionairen und auf den gänzlichen Umsturz aller Staatsverfassung, Moralität und Religion gerichteten Inhalt“, so ein Verzeichnis des königlich-preußischen Ministeriums zu Berlin vom April 1769. Auch Versteigerungskatalo-ge wurden beanstandet, sofern sie Bücher mit einem für damalige Begriffe schädlichen Inhalt enthielten.
In die Rubrik „Revolutionäre Schriften“ schien auch „Die Revolution in Schöppenstedt“ zu fallen. Gedruckt hatte sie 1793 Leuckardt in der Kirchstraße, und zwar auf Bestellung des Verlegers und Buchhändlers Gutsch zu Breslau. So weit reichten also damals die Beziehungen der Helmstedter Druckereien. Ein Exemplar davon war bei der herzoglichen Regierung in Braunschweig gelandet, die schon des Titels wegen sofort Alarm schlug und veranlaßte, daß sich Bürgermeister Hofrat Fein ganz persönlich am 23.11.1793 in die Kirchstraße zur Leuckardtschen Druckerei begab. Dabei stellte sich heraus, daß alle Exemplare dort noch vorhanden waren, nur ein einziges, eben das, was in Braunschweig gelandet war, hatte die Offizin verlassen. Dieses hatte der Setzer Köhler vom Verleger erhalten und jener es dem Kandidaten der Theologie Ven-turini geliehen, der ihm versprechen mußte, es nicht weiterzugeben. Das tat der aber, denn er hatte einen Freund, den Kandidaten Spor, dessen Vater wiederum Superintendent in Schöppenstedt war. Der war schon des Titels wegen ganz erregt und gab es an den Landkommissar Koch weiter, und so landete dieses Exemplar in Braunschweig. Dort hatte man inzwischen die Schrift gelesen und festgestellt, daß „wenn nun über dem auch in der Schrift sonst nichts Anstößiges enthalten ist, vielmehr deren Verfasser bey seiner Parodie hauptsächlich die Absicht gehabt zu haben scheint, die Französische Revolution und den derselben einverwebten Freyheits- und Gleichheitsschwindel von einer lächerlichen Seite zu zeigen.“ So gab man selbstverständlich die Schrift schon unter dem 29. November frei, und in Schöppenstedt konnte man aufatmen; es hat dort zumindest zu und vor jener Zeit nie eine Revolution gegeben. Man war weiterhin angesehen und herzogstreu.
Man sollte meinen, daß es auch aus dem vorigen, dem 19. Jahrhundert, Unterlagen über Zensuren gab. Das war nicht der Fall. Es mag daran liegen, daß die Helmstedter Universität Vergangenheit war und die Professoren unsere Stadt verlassen hatten, so daß nur noch eine Zeitung und nicht zu beanstandende regionale Schriften gedruckt wurden. Erst zur Zeit des Ersten Weltkrieges und kurz davor gab es Listen mit sozialistischen Schriften, die aber sämtlich anderweitig erschienen waren, von denen man lediglich vermutete, daß sie auch in Helmstedt vertrieben wurden.
Die nachstehende Stammtafel zur Geschichte der Helmstedter Universitäts-Buchdrucker wurde übernommen aus Wilhelm Eule "Helmstedter Universitätsbuchdrucker", Helmstedt, 1921, Seite 79.
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| style="width:25%;" | [[Jacob Lucius der Ältere|JACOBUS LUCIUS]]<br /><small>d. Ä. kam [[1570]] von Wittenberg nach [[Helmstedt]], errichtete die erste Helmst. Buchdruckerei; er starb [[1597]]</small> || style="width:25%;" | || style="width:25%;" | || style="width:25%;" |
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| ERBEN JAK. LUCIUS<br /><small>von [[1597]]–[[1598]]</small> || || ||
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| [[Jacob Lucius der Jüngere|JAK. LUCIUS D. JÜNG.]]<br /><small>von [[1598]]–[[1616]]</small> || || ||
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| ERBEN JAK. LUCIOS<br /><small>von [[1616]]–[[1634]] unter Leitung von Henning Müller d. Ält.</small> || [[Georg Calixt|GEORG CALIXT]]<br /><small>errichtete im Jahre [[1626]] in [[Helmstedt]] eine zweite Druckerei</small> || ||
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| JAKOBUS LUCIUS III.<br /><small>von [[1634]]–[[1639]]</small> || HENNING MÜLLER D. Ä.<br /><small>Pächter von [[1634]]–[[1658]]</small> || ||
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| ERBEN JAK. LUCIUS<br /><small>von [[1639]]–[[1640]] unter Leitung von Henning Müller d. Ält.</small> || JOH. GEORG TRÄGER<br /><small>Pächter von [[1658]]–[[1659]]</small> || ||
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| HENNING MÜLLER D. J.<br /><small>gelangte durch Heirat einer Enkelin [[Jacob Lucius der Ältere|Jak. Lucius d. Ä.]] in den Besitz der Druckerei von [[1640]]–[[1672]]</small> || MARTIN VOGEL & JOH. GEORG TRÄGER<br /><small>Pächter von [[1659]]–[[1660]]</small> || JAKOB MÜLLER<br /><small>aus Stettin errichtete im Jahr [[1661]] in [[Helmstedt]] eine Buchdruckerei u. übernahm [[1672]] die Calixtinische Druckerei; starb [[1681]]</small> ||
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| HEINR. DAVID MÜLLER<br /><small>von [[1672]]–[[1680]]</small> || HENNING MÜLLER D. J.<br /><small>Pächter von [[1660]]–[[1672]]</small> || ||
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| H. D. MÜLLERS ERBEN<br /><small>von [[1680]]–[[1681]]</small> || || HEINRICH HESS<br /><small>von [[1681]]–[[1716]]</small> ||
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| G. WOLFGANG HAMM<br /><small>von [[1681]]–[[1715]]</small> || || JOH. STEPHAN HESS<br /><small>von [[1716]]–[[1725]]</small> || SALOMON SCHNORR<br /><small>aus Halle; errichtete um [[1680]] in [[Helmstedt]] eine Druckerei; starb [[1723]]</small>
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| HERM. DANIEL HAMM<br /><small>von [[1715]]–[[1723]]</small> || || SEBAST. BUCHHOLTZ<br /><small>von [[1725]]–[[1731]]</small> || PAUL DIETR. SCHNORR<br /><small>von [[1723]]–[[1753]]</small>
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| H. D. HAMMS ERBEN<br /><small>von [[1723]]–[[1733]]</small> || || ERB. SEB. BUCHHOLTZ<br /><small>von [[1731]]–[[1739]]</small> ||
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| JOHANN DRIMBORN<br /><small>von [[1733]] bis Anfang [[1760]]</small> || || MICHAEL GÜNTHER LEUCKART<br /><small>von [[1739]]–[[1782]]</small> || Ww. SCHNORR & SOHN<br /><small>von [[1753]]–[[1793]]</small>
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| JOH. HEINR. KÜHNLIN<br /><small>von Anfang [[1760]]–[[1800]]</small> || || SIG. DAV. LEUCKART<br /><small>von [[1782]]–[[1826]]; übernahm [[1801]] die Druckerei d. J. H. Kühnlin</small> || C. L. FLECKEISEN<br /><small>von [[1793]]–[[1811]] in [[Helmstedt]]; nach Aufhebung der [[Universität Helmstedt|Universität]] wurde die Druckerei nach Heiligenstadt und [[1815]] nach Duderstadt verlegt</small>
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| || || [[Johann Rudolf Gottfried Leuckart|J. R. G. LEUCKART]]<br /><small>wurde [[1826]] alleiniger Besitzer der Druckerei; starb [[1840]]</small> ||
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== Die Helmstedter Bürgermeister von 1750 bis 1933 (S. 524–530) ==
== Die Helmstedter Bürgermeister von 1750 bis 1933 (S. 524–530) ==
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Am 1. Oktober [[1919]] traten nun diejenigen Bürger als Bürgermeister oder als Magistrat ihr Amt in, die von der wahlberechtigten Bürgerschaft, das waren alle männlichen und nun auch weiblichen Personen, die 20 Jahre alt und älter waren, in freier, gleicher, geheimer und direkter Wahl gewählt worden waren. Es war die erste und auch einzige unmittelbare Wahl eines Bürgermeisters durch die Bürger: Insoweit nahm man es mit der Demokratie sehr ernst. Der Bürgermeister wurde auf sechs, die Stadträte (der Magistrat) auf drei Jahre gewählt. Für den Bürgermeister war die absolute Mehrheit erforderlich, d. h., er musste mehr also 50 % der gültigen Stimmen haben, bei den Stadträten genügte die einfache Mehrheit, hier galt das System der Verhältniswahl. Durch die Listenwahl hier bei uns in [[Helmstedt]] hatte dieses Wahlsystem [[1919]] noch keine Bedeutung.
Am 1. Oktober [[1919]] traten nun diejenigen Bürger als Bürgermeister oder als Magistrat ihr Amt in, die von der wahlberechtigten Bürgerschaft, das waren alle männlichen und nun auch weiblichen Personen, die 20 Jahre alt und älter waren, in freier, gleicher, geheimer und direkter Wahl gewählt worden waren. Es war die erste und auch einzige unmittelbare Wahl eines Bürgermeisters durch die Bürger: Insoweit nahm man es mit der Demokratie sehr ernst. Der Bürgermeister wurde auf sechs, die Stadträte (der Magistrat) auf drei Jahre gewählt. Für den Bürgermeister war die absolute Mehrheit erforderlich, d. h., er musste mehr also 50 % der gültigen Stimmen haben, bei den Stadträten genügte die einfache Mehrheit, hier galt das System der Verhältniswahl. Durch die Listenwahl hier bei uns in [[Helmstedt]] hatte dieses Wahlsystem [[1919]] noch keine Bedeutung.


Zu der Wahl am 21. September [[1919]] kandidierten auf der Liste 1 für das Amt des [[Liste der Bürgermeister von Helmstedt|Bürgermeister]]s der Stadtsyndikus Dr. [[Hermann Velke|Velke]] und für das des Stadtrats der Fabrikbesitzer [[Karl Fickendey]] und der Zigarrenfabrikant [[Gottfried Schipper]], [[Markt]] 9. Diese Liste wurde von der [[SPD]], der [[Deutschen Demokratischen Partei]] und der [[Christlichen Volkspartei]] unterstützt. Die Liste 2 war die der [[Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands|Unabhängigen Sozialisten]]. Um das Bürgermeisteramt bewarb sich hier der Invalide [[Wilhelm Herok]], [[Braunschweiger Straße]] 9, für das Amt des Stadtrats der Schuhmachermeister [[Bernhard Lange]] vom [[Großen Katthagen]] und der Gastwirt [[Karl Lehmann]] vom [[Holzberg]].
Zu der Wahl am 21. September [[1919]] kandidierten auf der Liste 1 für das Amt des [[Liste der Bürgermeister von Helmstedt|Bürgermeister]]s der Stadtsyndikus Dr. [[Hermann Velke|Velke]] und für das des Stadtrats der Fabrikbesitzer [[Karl Fickendey]] und der Zigarrenfabrikant [[Gottfried Schipper]], [[Markt]] 9. Diese Liste wurde von der [[SPD]], der [[Deutschen Demokratischen Partei]] und der [[Christlichen Volkspartei]] unterstützt. Die Liste 2 war die der [[Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands|Unabhängigen Sozialisten]]. Um das Bürgermeisteramt bewarb sich hier der Invalide [[Wilhelm Herok]], [[Braunschweiger Straße]] 9, für das Amt des Stadtrats der Schuhmachermeister [[Bernhard Lange]] vom [[Großer Katthagen|Großen Katthagen]] und der Gastwirt [[Karl Lehmann]] vom [[Holzberg]].


Gewählt wurde mit 4.327 Stimmen Dr. [[Hermann Velke|Velke]]. Für den Kandidaten der Liste 2 waren 1.313 Stimmen abgegeben worden. Stadträte wurden [[Karl Fickendey|Fickendey]] (Gas- und Wasserwerk, Bauwesen, Kanalisation und Lebensmittelversorgung) und [[Gottfried Schipper|Schipper]] (Fürsorge, Marktwesen, Waisenhaus, Preisprüfungsstelle).
Gewählt wurde mit 4.327 Stimmen Dr. [[Hermann Velke|Velke]]. Für den Kandidaten der Liste 2 waren 1.313 Stimmen abgegeben worden. Stadträte wurden [[Karl Fickendey|Fickendey]] (Gas- und Wasserwerk, Bauwesen, Kanalisation und Lebensmittelversorgung) und [[Gottfried Schipper|Schipper]] (Fürsorge, Marktwesen, Waisenhaus, Preisprüfungsstelle).
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Herr Werner verzog im Mai [[1926]] nach Gladbeck. Für ihn kam der Justizobersekretär Schnelle in den Stadtrat. Die Tätigkeit war nach wie vor ehrenamtlich, die Stadträte erhielten noch nicht einmal die Aufwandsentschädigung der Stadtverordneten, denen monatlich 30 Mark zustanden. Bei der nächsten Wahl am 17. März [[1928]] kamen der Oberstudienrat [[Otto Kirchhoff]], damals [[Moltkestraße]] 14 (heute [[Gustav-Steinbrecher-Straße]]), der Tischler [[Franz Hanisch|Fr. Hanisch]], [[Braunschweiger Tor]] 20, der Justizobersekretär Schnelle, [[Goethestraße]] 36, und der Rentner [[Hermann Deppold]], [[Walbecker Straße]] 27, in den Magistrat der Stadt. Inzwischen gab es für diese zeitraubende Arbeit monatlich 30 Mark. Herr [[Franz Hanisch|Hanisch]] schied altershalber Anfang [[1930]] aus. Nachfolger wurde der Tischlermeister [[Heinrich Kühne]], [[Braunschweiger Straße]] 18. Für Herrn Schnelle, der im Mai [[1930]] sein Amt niederlegte, rückte der Gewerkschaftsangestellte [[Paul Beccard]], [[Triftweg]] 22, nach. Am 12. März [[1931]] wurden durch Wahl der Oberstudienrat [[Otto Kirchhoff|O. Kirchhoff]], der Kaufmann [[Hans Henneke]], [[Bahnhofstraße]] 12 (heute [[Magdeburger Straße]]), [[Franz Baumgart]] und [[Paul Beccard]] Stadträte. Inzwischen gab es mit dem 30. Januar [[1933]] die sogenannte Machtübernahme durch Hitler, ein nicht nur für Deutschland verhängnisvolles Ereignis.
Herr Werner verzog im Mai [[1926]] nach Gladbeck. Für ihn kam der Justizobersekretär Schnelle in den Stadtrat. Die Tätigkeit war nach wie vor ehrenamtlich, die Stadträte erhielten noch nicht einmal die Aufwandsentschädigung der Stadtverordneten, denen monatlich 30 Mark zustanden. Bei der nächsten Wahl am 17. März [[1928]] kamen der Oberstudienrat [[Otto Kirchhoff]], damals [[Moltkestraße]] 14 (heute [[Gustav-Steinbrecher-Straße]]), der Tischler [[Franz Hanisch|Fr. Hanisch]], [[Braunschweiger Tor]] 20, der Justizobersekretär Schnelle, [[Goethestraße]] 36, und der Rentner [[Hermann Deppold]], [[Walbecker Straße]] 27, in den Magistrat der Stadt. Inzwischen gab es für diese zeitraubende Arbeit monatlich 30 Mark. Herr [[Franz Hanisch|Hanisch]] schied altershalber Anfang [[1930]] aus. Nachfolger wurde der Tischlermeister [[Heinrich Kühne]], [[Braunschweiger Straße]] 18. Für Herrn Schnelle, der im Mai [[1930]] sein Amt niederlegte, rückte der Gewerkschaftsangestellte [[Paul Beccard]], [[Triftweg]] 22, nach. Am 12. März [[1931]] wurden durch Wahl der Oberstudienrat [[Otto Kirchhoff|O. Kirchhoff]], der Kaufmann [[Hans Henneke]], [[Bahnhofstraße]] 12 (heute [[Magdeburger Straße]]), [[Franz Baumgart]] und [[Paul Beccard]] Stadträte. Inzwischen gab es mit dem 30. Januar [[1933]] die sogenannte Machtübernahme durch Hitler, ein nicht nur für Deutschland verhängnisvolles Ereignis.


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Während am 3. März [[1933]] laut Mitteilung im „[[Helmstedter Kreisblatt|Kreisblatt]]“ Herr [[Hans Henneke|Henneke]] aus beruflichen Gründen sein Amt niederlegte für ihn kam der Fabrikbesitzer Hugo Siebler , findet sich unter dem 28. März [[1933]] die Notiz: „Die Herren Stadträte [[Paul Beccard|Beccard]] und [[Franz Baumgart|Baumgart]] sind im Interesse des Dienstes beurlaubt. Beiden ist mündlich Kenntnis gegeben.“ Zwei Tage später verzichteten sie auf dieses Ehrenamt. Der Grund ist an anderer Stelle erörtert worden. Auch [[Otto Kirchhoff]] verzichtete. Durch das Gesetz über die Neubildung des Landtages, der Kreistage und der Stadtverordnetenversammlungen vom 4. März [[1933]] wurde das Stadtparlament neu zusammengestellt. Wahlvorschläge hatten nur noch die [[NSDAP]] und der [[Kampffront Schwarz-Weiß-Rot|Kampfblock „Schwarz-Weiß-Rot“]] der [[Deutschnationale Volkspartei|Deutschen Volkspartei]] gemacht. Die [[Deutsche Zentrumspartei]] hatte ihren Vorschlag zurückgezogen. Die anderen Parteien hatte man gewaltsam von der politischen Willensbildung ausgeschlossen. Nach dem Verhältnis der diesen beiden Wahlvorschlägen bei der am 5. März [[1933]] vorgenommenen Reichstagswahl zugefallenen Stimmen entfielen im Stadtparlament auf die [[NSDAP]] 14 Sitze und auf den [[Kampffront Schwarz-Weiß-Rot|Kampfblock]] drei. Es wählte auch die Stadträte neu: die Herren [[Otto Schünemann|Schünemann]], [[Paul Denecke|Denecke]], [[Georg Most|Most]] und [[Rudolf Schlimme|Schlimme]]. Beruhte die Zusammensetzung der Stadtverordneten schon auf keiner Wahl, so wurden in Zukunft ausscheidende Stadträte und Verordnete durch Entscheidung des [[Liste der Bürgermeister von Helmstedt|Bürgermeister]]s einfach ergänzt. [[Liste der Bürgermeister von Helmstedt|Bürgermeister]] Dr. [[Hermann Velke|Velke]], der im Sommer [[1925]] für die Dauer von 12 Jahren erneut gewählt worden war diese Wahl war wegen der neuen Städteordnung erforderlich geworden , reichte im Oktober [[1933]] aus „dienstlichen Erwägungen“ ein Gesuch um Versetzung in den Ruhestand ein.
 
Während am 03.03.1933 laut Mitteilung im „Kreisblatt“ Herr Henneke aus beruflichen Gründen sein Amt niederlegte - für ihn kam der Fabrikbesitzer Hugo Siebler -, findet sich unter dem 28.03.1933 die Notiz: „Die Herren Stadträte Beccard und Baumgart sind im Interesse des Dienstes beurlaubt. Beiden ist mündlich Kenntnis gegeben.“ Zwei Tage später verzichteten sie auf dieses Ehrenamt. Der Grund ist an anderer Stelle erörtert worden. Auch Otto Kirchhoff verzich-tete. Durch das Gesetz über die Neubildung des Landtages, der Kreistage und der Stadtverordnetenversammlungen vom 04.03.1933 wurde das Stadtparlament neu zusammengestellt. Wahlvorschläge hatten nur noch die NSDAP und der Kampfblock „Schwarz-Weiß-Rot“ der Deutschen Volkspartei gemacht. Die Deutsche Zentrumspartei hatte ihren Vorschlag zurückgezogen. Die anderen Parteien hatte man gewaltsam von der politischen Willensbildung ausgeschlossen. Nach dem Verhältnis der diesen beiden Wahlvorschlägen bei der am 05.03.1933 vorgenommenen Reichstagswahl zugefallenen Stimmen entfielen im Stadtparlament auf die NSDAP 14 Sitze und auf den Kampfblock drei. Es wählte auch die Stadträte neu: die Herren Schünemann, Denecke, Most und Schlimme. Beruhte die Zusammensetzung der Stadtverordneten schon auf keiner Wahl, so wurden in Zukunft ausscheidende Stadträte und Verordnete durch Entscheidung des Bürgermeisters einfach ergänzt. Bürgermeister Dr. Velke, der im Sommer 1925 für die Dauer von 12 Jahren erneut gewählt worden war - diese Wahl war wegen der neuen Städteordnung erforderlich geworden -, reichte im Oktober 1933 aus „dienstlichen Erwägungen“ ein Gesuch um Versetzung in den Ruhestand ein.


In der ersten Stadtverordnetenversammlung nach der „Machtübernahme“ vom Januar 1933 am 27.04.1933 hatte sich Dr. Velke in einer Erklärung noch voll hinter die nationale Regierung Bestellt. Dem Bericht des Kreisblattes nach erklärte er oder mußte er dazu erklären, daß ihm nunmehr Gelegenheit gegeben sei, nur mit Männern der Tat und Männern nationalen Gesetzes zusammenzuarbeiten, deren politisch-wirtschaftliches Programm Gewähr dafür bietet, daß ein Wendepunkt in der Kommunalverwaltung und damit in der Geschichte der Stadt eintrete. Gchol-fen hat es ihm nichts, er sei, wie sich in der Sitzung vom 17.10.1933 anläßlich der Beratung über das Entlassungsgesuch ein Stadtverordneter ausdrückte, weder rechts noch links, weder beim „Stahlhelm“ noch beim „Reichsbanner“, und eine klare Haltung sei bei diesem Man in keiner Form hervorgetreten. Einer der vier Stadträte sprach weiter davon, daß sich ein gedeihliches Zusammenarbeiten des Rates der Stadt mit Dr. Velke in der Zeit nach der nationalsozialistischen Revolution als nicht möglich erwiesen habe. So habe er, als man übereingekommen sei, den Stadtsyndikus Wendt im Wege eines Verfahrens aus dem städtischen Dienst zu entlassen, jenem trotzdem ein Zeugnis ausgestellt und darin dessen Eignung und Befähigung während seiner Dienstzeit im schönsten Lichte erscheinen lassen. Ein anderer Stadtrat argumentierte, daß mit der Entlassung des Dr. Velke der Liberalismus aus dem Rathaus endgültig verschwinden werde. Das stimmte sicherlich und wurde damals positiv gesehen.
In der ersten Stadtverordnetenversammlung nach der „Machtübernahme“ vom Januar [[1933]] am 27. April [[1933]] hatte sich Dr. [[Hermann Velke|Velke]] in einer Erklärung noch voll hinter die nationale Regierung Bestellt. Dem Bericht des [[Helmstedter Kreisblatt|Kreisblatt]]es nach erklärte er oder musste er dazu erklären, dass ihm nunmehr Gelegenheit gegeben sei, nur mit Männern der Tat und Männern nationalen Gesetzes zusammenzuarbeiten, deren politisch-wirtschaftliches Programm Gewähr dafür bietet, dass ein Wendepunkt in der Kommunalverwaltung und damit in der Geschichte der Stadt eintrete. Geholfen hat es ihm nichts, er sei, wie sich in der Sitzung vom 17. Oktober [[1933]] anlässlich der Beratung über das Entlassungsgesuch ein Stadtverordneter ausdrückte, weder rechts noch links, weder beim „Stahlhelm“ noch beim „Reichsbanner“, und eine klare Haltung sei bei diesem Man in keiner Form hervorgetreten. Einer der vier Stadträte sprach weiter davon, dass sich ein gedeihliches Zusammenarbeiten des Rates der Stadt mit Dr. [[Hermann Velke|Velke]] in der Zeit nach der nationalsozialistischen Revolution als nicht möglich erwiesen habe. So habe er, als man übereingekommen sei, den Stadtsyndikus Wendt im Wege eines Verfahrens aus dem städtischen Dienst zu entlassen, jenem trotzdem ein Zeugnis ausgestellt und darin dessen Eignung und Befähigung während seiner Dienstzeit im schönsten Lichte erscheinen lassen. Ein anderer Stadtrat argumentierte, dass mit der Entlassung des Dr. [[Hermann Velke|Velke]] der Liberalismus aus dem Rathaus endgültig verschwinden werde. Das stimmte sicherlich und wurde damals positiv gesehen.


Dem Gesuch des Bürgermeisters um Versetzung in den Ruhestand wurde einstimmig stattge-geben. Er wurde bei einer jährlichen Pension von damals 8.204,88 Reichsmark einschließlich 960 Reichsmark Kinderzulage in den Ruhestand versetzt. Dr. Velke blieb in Helmstedt. Aus seiner Wohnung Roonstraße<ref>Roon, Albrecht Theodor Emil, Graf von (1803–1879) war preußischer Generalfeldmarschall, Kriegsminister und ab 1873 Ministerpräsident</ref> 1 (heute [[Doktor-Heinrich-Jasper-Straße]]) zog er um in die [[Parkstraße]] 2 und eröffnete dort eine Rechtsanwaltspraxis. Am 27.11.1952 starb er in [[Querenhorst]] während einer Jagd an einem Herzschlag. Dr. Velke stammte aus Velpke (er war dort am 09.12.1883 als Sohn eines Steinbruchbesitzers geboren). - Die Geschäfte des Bürgermeisters führten jetzt bis zum Januar 1935 die vier Stadträte, insbesondere der Zahnarzt Paul Denecke vom Kleinen Wall 19. Dann kam Bürgermeister Kurt Drechsler.
Dem Gesuch des [[Liste der Bürgermeister von Helmstedt|Bürgermeister]]s um Versetzung in den Ruhestand wurde einstimmig stattgegeben. Er wurde bei einer jährlichen Pension von damals 8.204,88 Reichsmark einschließlich 960 Reichsmark Kinderzulage in den Ruhestand versetzt. Dr. [[Hermann Velke|Velke]] blieb in [[Helmstedt]]. Aus seiner Wohnung [[Roonstraße]]<ref>Roon, Albrecht Theodor Emil, Graf von (1803–1879) war preußischer Generalfeldmarschall, Kriegsminister und ab 1873 Ministerpräsident</ref> 1 (heute [[Doktor-Heinrich-Jasper-Straße]]) zog er um in die [[Parkstraße]] 2 und eröffnete dort eine Rechtsanwaltspraxis. Am 27. November [[1952]] starb er in [[Querenhorst]] während einer Jagd an einem Herzschlag. Dr. [[Hermann Velke|Velke]] stammte aus [[Velpke]] (er war dort am 9. Dezember [[1883]] als Sohn eines Steinbruchbesitzers geboren). Die Geschäfte des [[Liste der Bürgermeister von Helmstedt|Bürgermeister]]s führten jetzt bis zum Januar [[1935]] die vier Stadträte, insbesondere der Zahnarzt [[Paul Denecke]] vom [[Kleiner Wall|Kleinen Wall]] 19. Dann kam Bürgermeister [[Kurt Drechsler]].


Den Mitgliedern des Helmstedter Rates sind einige der hier gewürdigten Persönlichkeiten bei jeder Sitzung gegenwärtig. Sie sind in Porträts abgebildet in den Buntfenstern unseres Sitzungssaals. Es sind dies von links nach rechts [[Johann Dietrich Lichtenstein]], [[Adolf Hartwieg]], [[Hildebert Guericke]] und [[Franz Schönemann]].
Den Mitgliedern des Helmstedter Rates sind einige der hier gewürdigten Persönlichkeiten bei jeder Sitzung gegenwärtig. Sie sind in Porträts abgebildet in den Buntfenstern unseres Sitzungssaals. Es sind dies von links nach rechts [[Johann Dietrich Lichtenstein]], [[Adolf Hartwieg]], [[Hildebert Guericke]] und [[Franz Schönemann]].

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Helmstedt – die Geschichte einer deutschen Stadt ist eine Chronik über Helmstedt von Hans-Ehrhard Müller aus dem März 1999. Eine zweite, überarbeitete Auflage erschien im Mai 2005. Dieser Artikel hat das Ziel, die gesamte Chronik als enzyklopädischen Artikel abzubilden und wird lediglich an die neue Rechtschreibung angepasst.

Das Helmstedter Stadtwappen (S. 99–100)

Wir kennen alle das Helmstedter Stadtwappen: Es zeigt den Heiligen Ludgerus mit roter Kasel und Mitra und mit dem Abtstab in der rechten und mit einem Buch, wohl der Heiligen Schrift, in der linken Hand. Auf das Merkmal Stadt weist die Mauer hin. Es beweist weiter, dass Helmstedt unter dem Krummstab groß geworden ist. Erstmals finden wir dieses Motiv in einem Helmstedter Siegel aus dem Jahr 1232. In dieser Form wurde das Siegel bis in das 16. Jahrhundert und wahrscheinlich auch noch später benutzt. Die Legende, d. h. die Umschrift in der Rundung, hat den Wortlaut „Sigillum burgnsium in Helmstadt“, d. h. in deutsch „Siegel der Bürgerschaft in Helmstedt“, dabei hatte man in dem lateinischen Wort für Bürgerschaft das „e“ vergessen. Außer diesem großen Siegel gab es drei kleinere, die, wenn auch nicht zugleich, so aber ebenfalls bis in die Neuzeit dazu dienten, offizielle Akten der Stadt abzusiegeln. Auch noch in den Jahren 1622 und 1625 finden wir den Heiligen Ludgerus auf städtischen Urkunden. Zugleich wird aber ein anderes Symbol zum Emblem der Stadt: zwei gekreuzte Krummstäbe. Wir finden sie in den Holzschnitzereien am Rohrschen Haus (untere Reihe, siebentes Feld von links) und am Beguinenhaus (erbaut 1580). Dort trägt die Darstellung den Zusatz „DRW“ = des Rates Wappen. Auch der bekannte Merianstich von 1654 zeigt sie als Wappen der Stadt. Am heutigen Rathaus sind sie an der Außenfront über dem mittleren Fenster des Sitzungssaales und über dem heutigen Stadtwappen ebenfalls sichtbar, gewissermaßen als Bindeglied zwischen dem mittelalterlichen Helmstedt und dem heutigen. Der Heilige Ludgerus war früher allein Inhalt des Siegels. Wappen und Siegel waren also verschieden. Arnold Rabbow, Verfasser des Braunschweigischen Wappenbuchs, Braunschweig 1977, ist dieser Unterschied mitunter begegnet, „diese Unterscheidung hat auch einen praktischen Sinn: Siegelbilder wurden damals gern detailreich und künstlerisch aufwendig gestaltet, um die Fälschung zu erschweren. Ein Wappen aber soll auch auf weite Sicht gut erkennbar sein, soll mithin einfach und übersichtlich gestaltet sein“.[1] Im 19. Jahrhundert erscheint der Heilige Ludger auch als Wappen der Stadt. Er trägt jetzt aber nicht das Heilige Buch, sondern einen Kelch.

Um die letzte Jahrhundertwende wünschte man die offizielle Genehmigung eines Wappens durch den Herzog. So musste man sich zunächst über ein Motiv einigen. In Frage kamen die beiden „Löffel“, d. h. die Krummstäbe, oder der Heilige Ludger. Man dachte aber auch über ein ganz neues Motiv nach. Zunächst jedoch versuchte man, eine offizielle Stadtfarbe einzuführen. Der Archivrat Dr. Paul Zimmermann, der deshalb vom Rat angeschrieben wurde, stellte aus der Geschichte der Stadt und insbesondere aus den überlieferten Symbolen der beiden Ludgeri Klöster in Helmstedt und Werden die dominierenden Farben Blau und Weiß heraus und empfahl sie als Stadtfarben. Der Rat entsprach diesem Vorschlag. „Blau-Weiß“ wurden somit die Helmstedter Farben, sie sind es bis heute geblieben. Im übrigen zeigte sich das „Pferd“ am Stadthaus in „Weiß“ auf blauem Grund. Der braunschweigische Geschichtsverein hat Anfang unseres Jahrhunderts einmal festgestellt, die eigentlichen Helmstedter Farben seien „Rot-Gold“. Diese Feststellung führt zu dem „Löffel-Bild“ zurück, es zeigt nämlich die beiden Abtstäbe „golden“ und den Hintergrund „rot“.

Mit der Wahl von „Blau-Weiß“ als Helmstedter Farben war auch die Entscheidung hinsichtlich des Wappens gefallen: Der Heilige Ludgerus mit der Stadtmauer und dem Heiligen Buch sollte das Symbol unserer Stadt werden.

Durch Erlass vom 25. Mai 1900 genehmigte „Seine Königliche Hoheit, Albrecht von Preußen, Regent des Herzogs“ das Wappen der Stadt Helmstedt in der heutigen Form. Es zeigt auf blauem Hintergrund die Figur des Heiligen Ludgerus, teilweise in weiß gehalten und umgeben von Mauerwerk, das ebenfalls in weißer Farbe dargestellt wird, mit dem Heiligen Buch. Aber auch die eigentlichen Helmstedter Stadtfarben finden wir in der Darstellung wieder. Die Kasel ist rot, Buch, Abt, Stab und Heiligenschein sind golden gehalten.

Die als Schöffen bezeichneten Vorsteher der Neumark benutzten im Mittelalter und in der Neuzeit ein gesondertes Wappen. Die Vorstadt war eine Gründung der Herzogs. Dies zeigte sich auch im Siegel: ein aufrechter Löwe, den wir heute noch an den Grundstücken Braunschweiger Straße 23/24 und 32 (das Stadthaus der Neumark) in dieser Form finden können. Mitunter war neben dem Löwen mit einem Helm ein weiteres Symbol angebracht. Ludewig int dagegen in dem Buch „Geschichte und Beschreibung der Stadt Helmstedt, 1821“, wenn er schreibt, dass 1490 bei der Übergabe der Stadthoheit vom Abt an den Herzog in Wolfenbüttel von jenem die „Löffel“ aus dem Wappen entfernt und dafür Helm und Löwe hineingesetzt worden seien. Dies ist, wie ich bereits feststellte, nicht geschehen. Allerdings sind die gekreuzten Abtstäbe auf Pfennigen, die hier in Helmstedt geprägt wurden, durch den herzoglichen Löwen und Helm ersetzt worden.[2]

In der NS-Zeit sollte 1938 der Heilige entthront werden. Für den Ausbau eines Kameradschafts- und Führersaales im Hause der Gauleitung in Hannover hatte Helmstedt wie auch andere Städte des Gaues einen Stuhl zu stiften. In die Rückenlehne sollte das Stadtwappen eingelegt werden. Der Betrag von 70 Mark wurde, „obwohl die Haushaltslage der Stadt Helmstedt jede Sonderausgabe verbietet“, zwar überwiesen, ein solcher Stuhl aber nie hergestellt, denn ein Wappen mit einem Heiligen fand bei der hohen Parteileitung keinerlei Anklang. „Vielleicht findet sich auch für Helmstedt ein Symbol, das besser der heutigen Zeit entspricht, als das jetzt vorhandene Wappen.“ So kam man in Helmstedt auf das Juleum als Motiv für ein neues städtisches Siegel und Wappen. Dr. Hermann Kleinau, seinerzeit Direktor des Braunschweigischen Staatsarchivs in Wolfenbüttel, widersprach der Verwendung eines Gebäudes als Wappen. „Damit würde man der jahrhundertealten Tradition der Stadt, die ihre Wurzeln auch aus der Zeit vor der Universitätsgründung bezieht, nicht gerecht werden.“ Der Krieg verhinderte eine Durchführung dieses Planes, selbst Ministerpräsident Dietrich Klagges riet dem Bürgermeister, das alte Wappenbild nicht aufzugeben. So erwies sich der Heilige auch noch nach vielen Jahrhunderten stärker als die Ideen der damaligen Machthaber.

Die Helmstedter Buchdrucker (S. 494–505)

„Mehr als das Gold hat das Blei die Welt verändert – und mehr als das Blei in der Flinte, das Blei im Setzkasten.“
– Georg Christoph Lichtenberg (1742 bis 1799, seit 1769 Professor in Göttingen)

Bei der zutreffenden Bedeutung dieser Zeilen und bei dem schon durch die Universität nicht geringen Beitrag unserer Stadt zu diesen Veränderungen ist es gerechtfertigt, auch in einer Stadtchronik an die hiesigen Buchdrucker zu erinnern.

Johann Gutenberg (um 1400 bis 1468) gilt als der Erfinder des Druckens mit beweglichen Lettern. Bis zur Einführung des Offsetdrucks bedienten sich die Drucker im Prinzip seines Verfahrens. Vor Gutenberg mussten Bücher zur Verbreitung ihres Inhalts abgeschrieben werden. Das geschah hauptsächlich hinter den Mauern der Klöster, ein Mönch diktierte und mehrere Mönche schrieben mit. Eine einzelne Seite wurde auch schon früher dadurch „gedruckt“, dass man aus einem Stück Holz erhabene Buchstaben schnitzte und so eine Druckplatte herstellte. Diese Platte ließ sich allerdings nur einmal verwenden. Aus Mainz ist für das Jahr 1454 mit Ablassblättern der früheste Druck nachgewiesen. Zwei Jahre später kam die berühmte Gutenberg-Bibel auf den Markt. Die Initialen wurden im 15. Jahrhundert noch mit der Hand gemalt.

Da es noch keine Zeitungen gab, wurden die „neuesten“ Nachrichten auf Flugblättern gedruckt. Der Inhalt wurde von der Obrigkeit vor dem Stadthaus oder von den Fernhandelskaufleuten auf den Marktplätzen der Bevölkerung vorgelesen, denn lesen konnten höchstens 10 % der Stadtbevölkerung, auf dem Dorf wohl nur der Pastor und, sofern es ihn gab, der Lehrer. Durch diese Flugblätter verbreiteten sich auch die Gedanken Martin Luthers. Ohne Gutenberg wäre Luther wohl ein unbekannter Mönch geblieben. Der rapide Anstieg der Flugschriften und die Steigerung ihrer Verbreitung um das Tausendfache ist nachgewiesen.

Im Jahre 1471 gab es mit Augsburg, Bamberg, Basel, Köln, Mainz, Nürnberg und Straßburg nur sieben Städte mit einer Druckerei, neun Jahre später hatte sich die Anzahl auf 24 erweitert, darunter war Magdeburg. 1530 gab es schon 63 Druckereien in entsprechend vielen Städten, darunter nun auch in Braunschweig.[3]

Die Druckkunst hat in Helmstedt durch Jakobus Lucius, der 1579 von Rostock hierher gekommen war, im Zusammenhang mit der Gründung der Universität begonnen. Nach Wilhelm Eule[4] soll er sich in dem Haus Kybitzstraße 5 niedergelassen haben. Robert Schaper[5] hat dagegen festgestellt, dass das heutige Grundstück seinerzeit mit zwei Häusern bebaut war. 1587 hat Konrad Gerdener, dessen Haus gegenüber dem Ratskeller gestanden hatte und abgebrannt war, diese beiden Häuser in einer Hand vereinigt, sie abreißen und das heute noch stehende Gebäude errichten lassen. Er war, wie sein Vater, Bürgermeister in Helmstedt gewesen. Das Wappen des Vaters, Hans Gerdener, befindet sich mit den Initialen BHG am Rohrschen Haus, der Name des Sohnes steht am Taufbecken von St. Stephani. So ist es wahrscheinlicher, dass schon wegen der notwendigen Größe einer Druckerei Jakobus Lucius seine Tätigkeit im Haus Beguinenstraße 9 begonnen hat. In jedem Fall ist er einige Jahre nach seinem Eintreffen in Helmstedt dort eindeutig nachgewiesen. Dieses Haus muss es dann gewesen sein, das er mit den 500 Talern erwarb, die der Herzog ihm gegeben hatte.

Lucius stammte aus Siebenbürgen, Hermannstadt oder Kronstadt soll sein Geburtsort gewesen sein[6] Über Nürnberg, Wittenberg (ab 1556) und Rostock (etwa ab 1577) war er nach Helmstedt gekommen. In Nürnberg mag er sich in der Druckkunst vervollkommnet haben, in den beiden anderen Städten hat er sie beruflich bereits ausgeübt. Mit Schulden hatte er Wittenberg verlassen, mit Schulden verließ er auch Rostock. Der berühmte Rostocker Professor David Chytraeus empfahl ihn dem Herzog Julius. Sechs Drucke sind bereits aus dem ersten Jahr seiner Tätigkeit bekannt. Der Berliner Bibliothekar Dr. Max Joseph Husung (verstorben 17. September 1944 in Helmstedt) hat sie nachgewiesen. Aber Lucius war nicht nur Drucker, er war auch als Formschneider Künstler. Er stattete seine Werke mit Holzschnitten aus, die ihm den Respekt nicht nur seiner Zeitgenossen einbrachten[7]. Lucius starb 1597 an der Pest, mit ihm seine Frau und fünf seiner Kinder. Sein Sohn Jakobus Lucius II. kehrte aus Hamburg, wo er eine eigene Druckerei betrieben hatte, zurück. Er setzte das Werk seines Vaters fort. Er starb aber bereits 1616. In den fast 19 Jahren seines Wirkens als Inhaber der Offizin (Werkstatt einer Druckerei oder einer Apotheke) stellte er viele Drucke her. Ob auch ein ganz besonderes Druckerzeugnis bei ihm erschienen ist, ist nicht sicher, ein Nachweis würde ihm und Helmstedt hohen Ruhm bringen. Es handelt sich dabei um den „Aviso“, die älteste Zeitung Norddeutschlands, erschienen 1609 und nach Meinung des Zeitungsforschers Dr. Schoene die älteste der Welt überhaupt. Im süddeutschen Raum gab es seit 1609 die in Straßburg gedruckte „Relation“, wobei jedoch angenommen wird, dass der „Aviso“ als Wochenzeitung schon vor 1609 herausgegeben wurde[8]. Aber im Gegensatz zur „Relation“ ist der Druckort der ersten Jahrgänge des „Aviso“ nicht bekannt, ab 1615 ist er mit Wolfenbüttel nachgewiesen. Auf Helmstedt wurden die Zeitungsforscher aufmerksam, weil die Zierstücke des ersten Jahrgangs Löwenköpfe in verschiedenen Ausführungen zeigen, die denen sehr ähneln, die Jakobus Lucius II. in seinen Druckwerken verwandte. Nun hat man zwar in Wolfenbüttel derartige Zierstücke auch gefunden, allerdings könnte wiederum die Vignettenfülle (Verzierung auf Buchtitelseiten, am Rand oder bei Anfangsbuchstaben im Text) der ersten beiden Jahrgänge dieser Zeitung, also 1609 bis 1610, – von 1611 bis 1612 besitzen wir nichts, von 1610 nur die Abschrift einer Titelseite, von 1614 lediglich das Titelblatt einer einzigen vorhandenen Nummer – auf Jakobus Lucius II. verweisen. Darauf hat jedenfalls Husung hingewiesen und gefolgert, dass zumindest diese Schmuckstücke hier bei uns entstanden sein könnten und dass Helmstedt somit einen Beitrag zur ältesten Zeitung der Welt geleistet hätte.

XXXXX

Nach dem Tode von Jakobus Lucius II. bekam die Druckerei mit Henning Müller d. A. einen Geschäftsführer, sie blieb dadurch der Familie erhalten. Von 1634 bis 1639 führte sie Jakobus Lucius III. Eine Enkelin des Firmengründers heiratete mit Henning Müller d. J. (lebte von 1607 bis 1675) einen Sohn des Geschäftsführers. Er setzte das Unternehmen fort und verlegte es zur Neumärker Straße 5. Der Nachfolger Heinrich David Müller war sein ältester Sohn. Mit ihm starb 1680 diese Familie im Mannesstamm aus. Die Druckerei samt Grundstück kaufte 1681 Georg Wolfgang Hamm. Er war aus Hof, wo er 1649 geboren wurde, zugewandert und 1715 in Helmstedt verstorben. Er und sein Sohn Hermann Dietrich betrieben die Druckerei bis 1723. Dies war das Todesjahr des Hamm jun. Dessen Erben hielten den Betrieb noch 10 Jahre bis 1733 aufrecht. Das Haus Neumärker Straße 5 wurde an einen Handelsmann veräußert, die Druckerei übernahm nun Johann Drimborn aus Köln, wohnhaft Langer Steinweg 1, ab 1763 Böttcherstraße 5. Drimborn war 1700 in Köln geboren, er war katholisch gewesen und 1723 zum lutherischen Bekenntnis konvertiert. Er war viele Jahre Stadthauptmann in unserer Stadt, also Vorsteher in einem der vier Stadtviertel. Drimbon gab die Druckerei schon einige Zeit vor Seinem Tode Anfang 1760 an Johann Heinrich Kühnlin aus Tübingen (wohnhaft Kybitzstraße 4) ab. Nach dessen Ableben am 22.12.1800 vereinigte sich diese Druckerei mit der des Sigismund David Leuckart. Diese war von den insgesamt vier Helmstedter Druckereien die drittälteste. Jakob Müller aus Stettin hatte sie 1661 gegründet und durch Übernahme der zweiten Helmsted-ter Druckerei 1672 erweitert. Diese zweite Druckerei hatte der Helmstedter Gelehrte und Theologe Georg Calixt 1629 ins Leben gerufen. Er hatte sie schon fünf Jahre später an Henning Müller dem wir bereits in der kurzen Geschichte der Buchdruckerei des Lucius begegnet sind, über. tragen. 1658 bernahm sie für zwei Jahre Johann Georg Täger zusammen mit Martin Vogel. Vor 1660 bis 1672 war dann Henning Müller der Jüngere (gestorben 1675) Pächter. Er betrieb die Offizin neben der die er von der Dynastie Lucius übernommen hatte. 1672 gab er sie an Jako Müller aus Stettin ab - nicht verwandt mit dem Verkäufer -, der bereits in gleicher Tätigkeit seit 1661 in Helmstedt wirkte.

Um diese Zeit gab es hier drei Druckereien: Die erste, die Lucius gegründet hatte und die über die Generationen Müller und Hamm zu Drimborn und Kühnlein führt und 1800 geendet hat, die zweite von Georg Calixt, die sich mit der von Jakob Müller 1661 errichteten Druckerei 1672 vereinigte und über verschiedene Familien schließlich 1801 zu den Leuckarts und dann zu den Schmidts bis in unser Jahrhundert reicht, und als dritte die von Schnorr (ab 1680), die von dem letzten Inhaber Fleckeisen nach Schließung der Universität 1811 nach Heiligenstadt und 1815 nach Duderstadt verlegt wurde. Vor allem durch Druck und Herausgabe von Büchern und Schriften der Professoren und von Dissertationen der Studenten fanden diese Druckereien Arbeit und damit eine Existenz.

Zu der Druckerei Calixt-Müller: Sie kam über die Familien Hess (1681 bis 1725) und Buchholz (1725 bis 1739) an den in der Thomas-Müntzer-Stadt Stolberg/Harz 1712 geborenen Rats-buchdrucker und späteren Senator der Stadt Helmstedt Michael Günter Leuckart.

Von seinen Söhnen erlernte der 1748 geborene Frank Ernst Christoph Leuckart ebenfalls den Beruf des Buchdruckers. Er ging später nach Breslau und gründete dort ein entsprechendes Un-ternehmen, das 1870 nach Leipzig und nach 1945 nach München verlegt wurde. Es besteht heute als ein angesehener Musikalienverlag weiter.

Ein weiterer Sohn, Sigismund Christian David Leuckart, führte - der Vater war 1792 verstorben - die Druckerei auch nach dem Ende der Helmstedter Universität weiter. 1809 erschien bei ihm a „emstädtsches Wochenblatt" die erste regelmäßig wiederkehrende Helmstedter Zei-tung. Sie gab es zunächst einmal in der Woche als Sonntagsblatt.

Von seinen Kindern wurde der 1794 geborene Friedrich Andreas Sigismund, verstorben 1843, ein bedeutender Zoologe an der Universität Freiburg, Johann Rudolf Gottfried L. dagegen Buchdrucker. Er übernahm die Druckerei schon 1826 und führte sie bis zu seinem Tod am 15.03.1840. Er ist der Vater des am 07.10.1822 geborenen Rudolf Leuckart. Dieser studierte in Göttingen Medizin und Naturwissenschaften. 1850 wurde er Professor in Berlin. Ab 1870 war er bis zu seinem Tode am 06.02.1898 Ordinarius an der Universität Leipzig. Er entdeckte die Trichinen und sorgte damit für die obligatorische Trichinenschau bei Schweinen nach jedem Schlachtvorgang. Nach ihm wurde die Leuckartstraße benannt.

Nach 1840 stand die Druckerei, da kein Familienangehöriger sie übernehmen wollte, acht Jahre lang unter vormundschaftlicher Verwaltung des Kaufmanns Eduard Dorguth und des Dr med. Kratzenstein. Die technische Leitung oblag später dem Buchdrucker Johann Christian Schmidt, geboren 1802 in Heiligenstadt (Eichsfeld). Er übernahm 1848 die Firma und mietete zugleich für sie Räume auf dem Grundstück Heinrichsplatz 5. Damals gab es allerdings diesen Platz noch nicht, auf ihm stand das landwirtschaftliche Anwesen des Heinrich Meinecke. Vorher lag die Druckerei auf dem Grundstück Kirchstraße 3. 1867 starb J. C. Schmidt. Seine Witwe Dorothee geb. Lübke aus Harbke setzte mit dem ältesten Sohn Albert, geb. 1843, sein Werk fort. Sie kauften 1871 für die Firma das Grundstück Heinrichsplatz 5. Haupteinnahmequelle der Druckerei war weiterhin die zeitung. Aus dem Wochenblatt von 1809 wurde 1815 die „Helmstädtsche Zeitung“. Sie erschien mittwochs und sonnabends. Format (21 x 16 cm) und Umfang (acht Seiten) waren geblieben. Ab 1847 gab es sie als „Helmstedter Zeitung“, aber weiterhin nur sonnabends und mittwochs. Das änderte sich im Laufe des Jahres 1848, sie erschien einschließlich sonntags fünfmal in der Woche. Neu war auch, daß politische Nachrichten auf die ersten Seiten rückten und amtliche Bekanntmachungen auf der letzten Seite plaziert wurden. Meldungen aus aller Welt erschienen jetzt schneller. Hatte es 1821 noch sechs Wochen gebraucht, um den Tod Napoleons am 05.05. auf der Insel Helena im Atlantik zu melden, so wurden die allerdings auch schon vom Örtlichen her näher liegenden Nachrichten über die März-Revolution 1848 in Berlin nach wenigen Tagen gebracht. - Von 1862 an hieß die Zeitung „Helmstedter Kreisblatt“, und dies bis zu ihrem Ende 1941. Erscheinungstage: Montag, Mittwoch und Freitag, das Format war jetzt 34 x 20 cm. 1877 nahm sie das auch heute noch allgemein bekannte äußere Erscheinungsbild von 45 x 30 cm an, Erscheinungstage: Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Ab 1887 gab es sie außer sonntags täglich. Von lokalen Dingen erfuhr der Leser jetzt nicht nur etwas durch Anzeigen, eine örtliche Berichterstattung, z. B. über die Sitzungen der Stadtverord-neten, über Gerichtsverhandlungen, über das Vereinswesen und über andere Begebenheiten in der Stadt und im Umland, wurde eingeführt.

Über Albert Schmidt (1843 bis 1904) kam die Druckerei an seinen Sohn Franz. Als er 1922 starb, starb mit ihm auch der letzte Inhaber mit dem Namen Schmidt. Der Firmenname lautete aber weiterhin J. C. Schmidt. Seine Witwe heiratete ein Jahr später den Brauereidirektor Deixel-berger aus Grasleben. Beide führten die Druckerei und damit auch die Zeitung fort. Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus begann für sie eine schwere Zeit. Sie war nicht mehr das amtliche Mitteilungsorgan der Behörden, diese einträgliche Funktion ging auf die NS- „Braunschweiger Tageszeitung“, Ausgabe Helmstedt, über. Auch die Annoncen erschienen jetzt mehr in der genannten nationalsozialistischen Zeitung. Diese nannte sich „Helmstedter Kreiszeitung“ und wurde damit verstärkt ein örtliches Presseorgan der allmächtigen NSDAP. Das Helmstedter Kreisblatt vegetierte noch bis 1941 so dahin. Der Mangel an Papier im dritten Kriegsjahr war ein den Behörden sicherlich nicht unwillkommener Anlaß, die endgültige Aufgabe dieser Zeitung durch den Verlag zu veranlassen. Frau Deixelberger verwitwete Schmidt starb 1953 kinderlos. Ihr zweiter Ehemann war bereits 1935 verstorben.

Das Ende der NS-Herrschaft April/Mai 1945 brachte auch das Ende der Helmstedter Partei-zeitung. In ihren letzten Tagen bestand sie nur noch aus ein bis zwei Blättern. Am 12.10.1945 erschien Nr. 1 der „Braunschweiger Neuen Presse“ mit dem Untertitel „Nachrichtenblatt der allierten Militärregierung“. Aus ihr wurde mit dem 08.01.1946 die „Braunschweiger Zeitung“ Sie war die erste Zeitung in der damals britischen Zone, die unter der verantwortlichen Leitung einer ausschließlich deutschen Redaktion stand. Der Zusatz „Nachrichtenblatt ..“ wich dem Untertitel „veröffentlicht unter Zulassung Nr. 2 der Militärregierung“. Diese Zeitung erhielt im Laufe des Jahres 1946 auch einen bescheidenen Helmstedter Teil, der aber immer mehr ausgeweitet wurde. Heute gibt es sie unter dem gleichen Namen mit dem Zusatz „Helmstedter Nachrichten“. • Sie ist die einzige Zeitung, die hier werktäglich erscheint.

Das „Helmstedter Kreisblatt“ erlebte vom 10.11.1949 an im Verlag J. C. Schmidt, Heinrichs-Platz 5, mit der „Helmstedter Allgemeinen Zeitung“ eine Fortsetzung ihrer Tradition. Ab 01.04.1954 hieß sie „Kreisblatt“, man zog vom Heinrichsplatz 5 in das Haus Papenberg 29 (heu-le Deutsche Bank) um. Später kehrte man zum Heinrichsplatz, allerdings jetzt in die Nr. 10 (im Vorderhaus ist heute die Firma ALDI) zurück. Ab 01.01.1970 nannte sich die Zeitung „Helmstedter Anzeiger“. Mit dem 11.10.1975 stellte sie ihr Erscheinen ein, „da eine Wirtschaftlichkeit des Verlags unternehmens nicht mehr gegeben ist“. . Der letzte Chefredakteur, Wolf E. Ebeling, hatte nach seinen Angaben über zwei Jahre allein und persönlich das Risiko tragen müssen.

Zur Dokumentation der wirtschaftlichen Kraft der Stadt erscheinen neuerdings zwei Anzei-genblätter. So gibt es seit dem 29.10.1975 mittwochs den „Helmstedter Blitz', der aber ebenso wie der „Helmstedter Sonntag“ (seit 5.9.1999) nicht in der Tradition der Organe steht, die dem Leser die neuesten Nachrichten vermitteln wollen. Sie bringen ihrem Auftrag entsprechend Anzeigen sowie Berichte über technische Neuerungen jeglicher Art und ausgewählte Reportagen über lokale Ereignisse der verflossenen Woche.

Nach dieser Darstellung der geschichtlichen Entwicklung dreier Helmstedter Druckereien lassen Sie mich zu der Buchhandlung von Fleckeisen, dem Ausgangspunkt unserer Betrachtun-gen, zurückkehren. Sie hatte ihren Ursprung in dem Hallenser Salomon Schnorr, der 1675/1676 von Halle nach Helmstedt gekommen war und hier vier Jahre als Buchdrucker gehilfe gewirkt hat, bevor er 1680 eine eigene Druckerei gründete. Die Blüte der Helmstedter Universität mit den vielen zu veröffentlichenden Schriften machte es möglich. Nach Wilhelm Eule, „Helmsted-ter Universitätsbuchdrucker“ , erschienen 1921, aus dessen Buch ich viele Erkenntnisse zu die- sem Kapitel gewonnen habe, soll diese Druckerei in dem Haus Neumärker Straße 29 gewesen sein (heute Juweliergeschäft). Das dürfte aber nicht zutreffen, denn Salomon Schnorr und sein Sohn Paul Dietrich, der 1723 das Geschäft seines Vaters übernahm, waren in jedem Fall Eigentümer des Hauses Heinrichsplatz 11. Dort dürfte zu jener Zeit die Druckerei gewesen sein. Es handelt sich um das Haus mit dem Totenschädel über dem Eingang. Salomon Schnorr starb 1726. Als 1734 Paul Dietrich Schnorr die Schuhstr. 11 (Hoflager Heinrich Julius') erwarb, wird in dieses geräumige Haus die Druckerei mit umgezogen sein. Das Haus Neumärker Str. 29 war dagegen von 1721 bis 1792 ein Professorenhaus, bewohnt und im Eigentum der Professoren August von Leyser, Timotheus Seidel, Johann Frobese und Johann Ferber. Erst 1792 wurde dann daraus tatsächlich ein Druckereihaus.

Bei Schnorr ist übrigens das bedeutendste buchgewerbliche Erzeugnis, das je in Helmstedt gedruckt wurde, erschienen: Das große vierbändige Prachtexemplar des Professors Hermann von der Hardt über das Konzil zu Konstanz (1414 bis 1418)[9].

Nach dem Tod von Paul Dietrich Schnorr 1755 übernahm dessen Sohn Johann Gottfried Dietrich die Druckerei. Er starb 1786 noch vor seiner Mutter, diese starb 1795. Die beiden weiteren Kinder waren Töchter, die einen Professor bzw. einen Pastor geheiratet hatten, so daß sich die Mutter nach einem Käufer der Offizin umsehen mußte. Sie fand ihn in dem seit 1782 in Helmstedt lebenden und aus Roßwein/Sachsen zugewanderten Karl Gottfried Fleckeisen. Dieser Betrieb ist zusammen mit einer Buchhandlung in dem Haus Neumärker Straße 29 nachzuwei-sen, denn Fleckeisen hatte das Grundstück 1792 von der Witwe des Professors Ferber für 2.000 Taler erworben. Er hatte so viele Aufträge, daß er noch bei Leuckart in der Kirchstraße drucken lassen mußte. Dennoch hinterließ er, als er 1814 starb, seinen zwei Töchtern und seinem Sohn - die Ehefrau war bereits 1804 verstorben - sehr viele Schulden, so daß die Druckerei nicht fortgeführt werden konnte. Der Vormund der Kinder, Ratsherr Leuckart, übernahm sie für 1.000 Taler für seinen eigenen Betrieb, die Buchhandlung dagegen blieb bestehen. Sie wurde von dem Schwiegersohn, dem Buchhändler Friedrich Samuel Fiedler, ab 1817 weitergeführt. Als Fiedler 1853 starb, mußte der Schulden wegen über den Nachlaß das Konkursverfahren eröffnet werden. Das Grundstück wurde verkauft, die Buchhandlung blieb unter neuem Inhaber als jetzt „Richtersche Buchhandlung“ bis 1933 bestehen.

Zwei Tafeln zieren das Haus Neumärker Straße 29. Die eine erinnert an Professor Dr. jur. August von Leyser. Er ist der Verfasser des im 18. Jahrhundert bekanntesten Erläute-rungswerkes zum Zivilrecht mit dem Titel Meditationes ad pandectas“, eine Kommentierung des römischen Rechts, das war das Zivilrecht der damaligen Zeit, in mehreren Bänden. Leyser lebte in dem Haus ab 1712, 1722 kaufte er es. 1729 folgte er einem Ruf an die Universität Wittenberg. Die zweite Tafel erinnert an Alfred Fleckeisen. Er war der Enkel des Druckereibesitzers und ein Sohn des Justizamtmanns Karl-Wilhelm Fleckeisen, der 1828 in Wolfenbüttel starb. Mit seiner Mutter kam er als Achtjähriger in die Heimatstadt seiner Vorfahren zurück, besuchte hier von 1829 bis 1839 das Gymnasium, machte das Abitur und wurde ein berühmter Altphilologe und Herausgeber der „Neuen Jahrbücher für klassische Philologie“. Er starb 1892 in Dresden.

Ursprünglich war die handwerkliche Kunst des Druckens mit dem kaufmännischen Geschick des Vertriebs in einer Hand vereint. Das änderte sich jedoch bald; der Verleger wurde geboren, wenn es auch Druckereien gab, die den Vertrieb ihrer Erzeugnisse weiterhin in eigener Regie wahrnahmen. Bekannte Verleger in Helmstedt waren z. B. Wolf Heil und vor allem Lue-deke Brandes. Sie waren in mehreren Generationen Pächter des Buchladens an der ehemaligen Augustinerkirche am Markt. Erstmals sind sie 1545 in unserer Stadt nachgewiesen. Sie waren auch als Ratsherr und Bürgermeister tätig gewesen. Luedeke Brandes d. Ä. arbeitete eng mit Jacobus Lucius zusammen. Ihre Namen finden wir noch heute in Helmstedt, so z. B. an dem imposanten Taufbecken in der St. Stephani-Kirche, 1590 von Mante Pelking geschaffen. Unter den fünf Ratspersonen, deren Namen und Wappen am Beckenfuß verewigt sind, befinden sich alle drei Mitglieder der Buchhandels- und Verlegersozietät in Hemstedt, davon zwei Mitglieder der Familie Brandes.[10] Noch etwas eindrucksvollere Hinweise auf diese Familie finden sich am Beguinenhaus. Im 2. Feld rechts weisen die Großbuchstaben BLB auf den Bürgermeister Luedeke Brandes hin, und das vorletzte Feld erinnert an dessen Vater, Luedeke Brandes d. Ä

Der bedeutendste Helmstedter Verlag im 18. Jahrhundert war der des Christian Friedrich Weygand. Weygand war 1723 aus Meißen/Sachsen nach Helmstedt gekommen[11]. Im Hause Kornstraße 13 eröffnete er eine Verlagsbuchhandlung. Das Haus erwarb er 1742 von den Erben des Professors Cörber. Hier verlegte er Bücher, von 1725 bis 1739 allein über 100 Werke, darunter die berühmte „Sittenlehre der Heiligen Schrift“ des Professors Johann Lorenz Mosheim, die bei Johann Drimborn gedruckt worden war. Weygand besaß das herzogliche Privileg der alleinigen Stadtbuchhandlung. Allerdings hatte die Universität mit Herrn Lohmann einen eigenen Buchhändler, der nach dem Burgdorfer Rezeß vom Mai 1727 als Universitätsangehöriger galt, d. h., er war von allen städtischen Lasten befreit und ihrer Gerichtsbarkeit entzogen. Lohmann hatte seine Buchhandlung im Juleum. Auch um die Stadt Helmstedt machte er sich verdient: 1751 wurde er zum Senator gewählt. Als er 1764 starb, setzte der Sohn Johann Friedrich sein Werk fort, in Helmstedt allerdings nur kurze Zeit. 1767 verzog er nach Leipzig und nahm den Verlag und damit die Firma mit. In der Bücherstadt erwarb sich das Unternehmen hohes Anse-hen. 1773 schrieb Weygand an Goethe und bat um die Überlassung eines Manuskripts, um es verlegen und drucken zu können. Goethe schickte „Die Leiden des jungen Werther“. Dieser Welterfolg erschien 1774 zuerst im Verlag des ursprünglich Helmstedter Verlegers Christian Friedrich Weygand. Der „Werther“ war der Durchbruch im Schaffen des jungen Goethe (1743 bis 1832). Das Unternehmen Weygand ging 1812 an einen anderen Inhaber über. 1838 erlosch das berühmte Verlagshaus, dessen Weg einmal in Helmstedt begonnen hatte.

Auch wissenschaftliche Zeitungen sind in Helmstedt erschienen. So bei P. D. Schnorr „The Helmstat and London Mercury“, und zwar zweimal wöchentlich in der Zeit vom 09.01.1753 bis 06.07.1753, also nur kurze Zeit. Ein halbes Jahr lang, nämlich vom 26.04.1800 bis zum 06.09.1800 gab es einmal wöchentlich das „Wochenblatt für angenehme und nützliche Lektüre“, , verlegt bei Fleckeisen in der Neumärker Str. 29. Dort erschienen auch 1828 sieben Ausgaben der „Horen“, 1835 weiter ein „Conversationsmagazin für Gebildete aus allen Stän-: Exemplare dieser Erzeugnisse des Helmstedter Zeitungswesens sind leider nicht im Stadt-archiv, wohl aber in der Herzog-August-Bibliothek zu Wolfenbüttel und im Nieders. Staatsar-chiv, ebenfalls in Wolfenbüttel, und in einigen Exemplaren auch im Braunschweiger Stadtarchiv am Löwenwall.

Aus dem eigentlichen Bereich der Wissenschaft erschienen von 1722 bis 1728 bei Salomon Schnorr die Annales Academiae Juliae“ sowie vom 13.02.1751 bis zum 25.12.1756 be Leuckart ein „Helmstadtisches Gelehrtes Wochen-Blat“, herausgegeben von dem Theologieprofessor Christoph Timotheus Seidel (geboren 1703 in Schönberg im Brandenburgischen als Sohn eines Pfarrers, verstorben 1758 in Helmstedt und begraben neben der Kanzel der St. Stephani-Kirche), Seidel war in Professur und Generalsuperintendentur Nachfolger des Friedrich Weise (gestorben 1735), Neben zahlreichen Schriften, die er als Professor der Theologie - ab 1730 war er zugleich Abt zu Königslutter - veröffentlichte, wollte Seidel mit diesem Wochenblatt das Ansehen Helmstedts als Stätte der Gelehrsamkeit heben. Auch die neue Helmstedter Schulordnung vom 18. Juli 1755 ist von ihm maßgebend beeinflußt worden. Gewohnt hat Seidel Begui-nenstraße 15, das Haus mußte 1906/07 einem Neubau weichen. Gewissermaßen als Fortsetzung gab es vom 21.03.1761 bis zum 12.03.1763 ein ebentalls wöchentlich erscheinendes Blatt unter dem gleichen Namen, diesmal aber gedruckt bei Johann Drimborn und herausgegeben von dem Professor Johann Franz Wagner. Wagner stammte aus Nesselröden im Eichsfeld, er war zwei Jahre (von 1698 bis 1700) Privatsekretär des Philosophen Leibniz in Hannover. Ihm verdankte er die Übertragung einer Professur in Helmstedt im Jahre 1701. Bis zu Leibniz' Tode im Jahre 1716 in Hannover korrespondierte er mit ihm. Wagner starb 1741 in. Helmstedt. - Professor Gottlob Benedikt von Schirach (geboren 1743, gestorben 1804 in Altona bei Hamburg) gab vom 02.01.1770 bis zum 19.12.1777 die „Ephemerides literariae Helmstadienses“ heraus, sie wurden im Waisenhaus in Helmstedt am Lindenplatz gedruckt. Schirach wurde 1776 durch die Kaiserin Maria Theresia in den erblichen Adelsstand erhoben. Der älteren Lesern noch bekannte NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach, zuletzt Gauleiter von Wien und Mitangeklagter im ersten Nürnberger Prozeß, ist ein Adoptivsohn eines späteren Nachfahren dieses Helmstedter Professors.[12] Der berühmte Theologieprofessor Heinrich Philipp Konrad Henke war Herausgeber der „Commentarii de rebus novis literariis“, die bei Leuckart zweimal wöchentlich er-schienen, und zwar für die Zeit vom 06.01.1778 bis 1781.

Das eingangs festgehaltene Zitat des Professors Lichtenberg aus Göttingen zeigt Macht, Bedeutung und Einfluß des gedruckten Wortes, denn Gedanken konnten sich nun vervielfälti-gen. Dies war früher so wie heute und wurde auch so erkannt. Deshalb entstand mit der Buchdruckerkunst die Zensur, die früher auch schon angewandt wurde. Diese Zensur hatten auch die Helmstedter Vertreter Gutenbergs zu spüren bekommen. So erinnerten die Herzöge Rudolph August und Anton Ulrich in einem Erlaß vom 11.05.1702 den Magistrat der Stadt Helmstedt daran, daß die Buchdrucker, soweit sie der Jurisdiktion der Stadt unterstanden, angewiesen werden sollten, vor Verbreitung eines Druckwerkes dieses dem Vizerektor und dem akademischen Senat zur „Zensur“ einzuschicken und von jedem Druckwerk ein Exemplar der Universitätsbibliothek kostenlos einzuliefern und später ein weiteres der großen Bibliothek zu Wolfenbüttel zur Verfügung zu stellen. Dies veranlaßte den Drucker Michael Günter Leuckardt, sich darüber unter dem 24.12.1742 zu beschweren, weil, wie er u. a. ausführte, jeder Druck mit Kosten verbunden sei. Die Auflage von Büchern war früher oftmals klein, manchmal nur 100 Exemplare, entsprechend war der Druck teuer und eine kostenfreie Abgabe deshalb besonders drückend. Leuckardt wurde vorgeworfen, seit 1739 mit den Ablieferungen in Rückstand zu sein.

Massiveren Ärger hatten zuvor die Erben Sebastian Buchholz' (gestorben 1732). Dessen Witwe (gestorben 1741) und Tochter Marie Juliane (1703 bis 1783) hatten die Druckerei des Verstorbenen weitergeführt. Hier arbeitete der genannte Michael Günter Leuckardt, bis er schließlich durch Heirat der Tochter am 7. März 1737 das Unternehmen teilweise übernahm. Unter dem 20. Februar 1734 war den Buchholzschen Erben vom kirchlichen Konsistorium zu Wolfenbüttel vorgeworfen worden, es seien „viele und sogar mit gefährlichen und irrigen Princi-piis angefüllte Scripta ohne vorgängige Zensur zum Druck befördert worden ...“ Dem Magistrat wurde aufgegeben, so habt Ihr den unter Eurer Jurisdiction seÿenden Buchdruckern beynahmhafter Strafe den Druck aller Theologischen und insonderheit des Tobias Eislers Schriften, wenn solche nicht vorhero entweder von Fürstl. Consistorio hieselbst oder von der Theologischen Fakultät zu Helmstedt Fürstl. Kirchen-Ordnung gemäß zensiret worden, zu verbieten.“ Welchen Inhalt diese beanstandeten Schrift hatten, ist nicht weiter ausgeführt und auch sonst nicht ersichtlich. Offenbar ist es auch bei der Rüge geblieben. Konkreter war da schon ein Vorwurf gegen den Drucker Drimborn vom Dezember 1738. Es ging um das „Scandaleuse Scriptum eines conversi catholici und itzigen Studiosi theologiae Johann Heinrich Schumacher“. Dieser hatte die biblische Geschichte des Alten und Neuen Testaments in einen Roman gefaßt und Gott als weltlichen Regenten angesehen und Christus als einen Kronprinzen geschildert, der sich für seine Geliebte opfert. Angeblich hatte sogar der Professor der Heiligen Schrift Johann Conrad Schramm (Lindenplatz 3), bei dem dieser Student wohnte, das Werk ohne Beanstandung durchgesehen und es als druckfähigen Roman bezeichnet. Wie die Sache ausgegangen ist, ist nicht weiter überliefert.

Großen Ärger hatte der bereits erwähnte Buchdrucker Salomon Schnorr. Herzog Anton Ulrich rügte in einem eigenhändig von ihm unterschriebenen Erlaß vom 18.04.1711, daß jener ein „scriptum“ des Philosophieprofessors Johann Rempen veröffentlicht habe, ohne es vorher der Zensur vorzulegen. Rempen ist uns bereits in der Geschichte des Klosters St. Ludgeri begegnet. Er stammte aus Paderborn, war dort 1663 geboren und in einem Jesuitenkolleg katholisch erzogen worden. 1707 war er zum lutherischen Glauben konvertiert, nachdem er vorher ein leidenschaftlicher Gegner des Protestantismus gewesen war. Ihm war es höchste Lust, mit der Feder gegen die Evangelische Kirche zu spielen.“ Der Übertritt geschah aus Überzeugung, denn er geriet dadurch in große finanzielle Not. Er erbat eine Professur an der Universität Helmstedt, die ihm 1708 als Lehrer in der griechischen und lateinischen Sprache sowie in der Dichtkunst übertragen wurde. Nach Paul Zimmermann in ADB unter „Rempen“ fiel er in Helmstedt wegen seiner Streitlust und „unangemessenen Opponirens“ auf. Durch den Inhalt seiner Schrift Argu-menta theologica juridica et philosophica“, die 1711 erschien, fühlten sich einige Professoren der Helmstedter Universität beleidigt. Dies war wohl auch der Anlaß der Reaktion des Herzogs. Gewohnt hat Rempen, der unverheiratet blieb, Kornstraße 14, Neumärker Straße 28 und dann zehn Jahre lang Stobenstraße 31.

Salomon Schnorr, um den es hier eigentlich geht, sollte für die unzensierte Herausgabe der Schrift des Professors Rempen 50 Taler Strafe zahlen. Das war damals viel Geld; so erhielt seinerzeit Professor Rudolph Christian Wagner, von 1701 bis 1741 Professor der Mathematik und Physik als Anfangsgehalt lediglich 250 Taler jährlich.

Es ist sicherlich verständlich, daß Schnorr so viel Geld nicht hat aufbringen können. Deshalb wurde bei ihm ein erheblicher Vorrat seiner Bücher gepfändet und in der Stadtvogtei gelagert. Als die Ehefrau nachts mit anderen Kaufleuten von einer Messe kam, wurden ihr am Stadttor sogar eigene Sachen beschlagnahmt und in Verwahrung genommen. Damit war sie in die Sache einbezogen und wurde mit einem gedruckten Brief an den „Durchläuchtigsten Fürsten und Herr/Herrn Anthon Ulrichen, Hertzoge zu Braunschweig und Lüneb. meinem gnädigsten Für-sien und Herrn unterthänigst“ zur Bittstellerin „Unterthänigst demühtigste Magd Ursula Maria Henschlers, Salomon Schnorrns Buchdr. Ehefrau“.

Frauen haben oft Erfolg, und so wurde die Strafe auf 24 Taler reduziert und im Januar 1712 dem Salomon Schnorr die beschlagnahmten Bücher wieder ausgehändigt.

Nicht zu beanstanden hatte das fürstliche Konsistorium acht von dem Helmstedter Lehrer Tobias Eisler eingereichte Schriften. Sie waren in der Zeit von 1732 bis 1734 erschienen und enthielten pädagogische Unterweisungen für den Unterricht in der Heiligen Schrift.

Auch der verehrte Professor und Propst Hermann von der Hardt (1660 bis 1746) geriet in die Fänge der Zensur. Dabei handelte es sich zunächst um eine dann doch akzeptierte Abhandlung über die erst kürzlich erfolgte Heirat des Herzogs Anton Ulrich. Dieser Anton Ulrich, nicht zu verwechseln mit dem 1714 verstorbenen Regenten gleichen Namens, hatte 1739 Anna geheira-tet. Anna war eine Tochter der Katharina von Rußland und des Karl Leopold, Herzog von Meck-lenburg. Katharina wiederum war die Tochter von Iwan II., der von 1682 bis 1689 Zar war, Vorgänger Peters I. des Großen. Aus dieser von Hermann von der Hardt beschriebenen Ehe ist au-Ber einem Peter und einer Katharina ein Iwan hervorgegangen, der als Iwan III. kurze Zeit - von 1740 bis 1741 - regierte. Er hatte vorzeitig abgedankt, um der Zarin Elisabeth (regierte von 174] bis zu ihrem Tod 1762) den Thron freizumachen. Sie war die Gegnerin Friedrichs des Großen im Siebenjährigen Krieg.

Es fanden sich aber bei der Durchsuchung der Druckerei Drimborn noch andere Schriften, die verdächtig waren, wobei der Buchdrucker erklärte, er könne schließlich zum Inhalt nichts sagen, dieser sei teils lateinisch, teils griechisch oder sogar hebräisch, welches er alles nicht verstünde“. Alle Bücher waren harmlos bis auf einen Titel „Theocriti Syrinx quae multis annis situerat“. Alle noch vorhandenen Exemplare wurden deshalb „cashiret“ (beschlagnahmt).

Es waren nicht nur immer Helmstedter Drucke, die beanstandet wurden. Oftmals mußte der Magistrat die Stadtknechte ausschicken, um verdächtige Manuskripte auswärtiger Autoren ein-zusammeln, sofern man sie vorfand. Während die beanstandeten Helmstedter Schriften meistens einen Inhalt hatten, der zu den damaligen religiösen Empfindungen im Widerspruch stand, ging es bei der Literatur aus anderen Orten mehr um den „revolutionairen und auf den gänzlichen Umsturz aller Staatsverfassung, Moralität und Religion gerichteten Inhalt“, so ein Verzeichnis des königlich-preußischen Ministeriums zu Berlin vom April 1769. Auch Versteigerungskatalo-ge wurden beanstandet, sofern sie Bücher mit einem für damalige Begriffe schädlichen Inhalt enthielten.

In die Rubrik „Revolutionäre Schriften“ schien auch „Die Revolution in Schöppenstedt“ zu fallen. Gedruckt hatte sie 1793 Leuckardt in der Kirchstraße, und zwar auf Bestellung des Verlegers und Buchhändlers Gutsch zu Breslau. So weit reichten also damals die Beziehungen der Helmstedter Druckereien. Ein Exemplar davon war bei der herzoglichen Regierung in Braunschweig gelandet, die schon des Titels wegen sofort Alarm schlug und veranlaßte, daß sich Bürgermeister Hofrat Fein ganz persönlich am 23.11.1793 in die Kirchstraße zur Leuckardtschen Druckerei begab. Dabei stellte sich heraus, daß alle Exemplare dort noch vorhanden waren, nur ein einziges, eben das, was in Braunschweig gelandet war, hatte die Offizin verlassen. Dieses hatte der Setzer Köhler vom Verleger erhalten und jener es dem Kandidaten der Theologie Ven-turini geliehen, der ihm versprechen mußte, es nicht weiterzugeben. Das tat der aber, denn er hatte einen Freund, den Kandidaten Spor, dessen Vater wiederum Superintendent in Schöppenstedt war. Der war schon des Titels wegen ganz erregt und gab es an den Landkommissar Koch weiter, und so landete dieses Exemplar in Braunschweig. Dort hatte man inzwischen die Schrift gelesen und festgestellt, daß „wenn nun über dem auch in der Schrift sonst nichts Anstößiges enthalten ist, vielmehr deren Verfasser bey seiner Parodie hauptsächlich die Absicht gehabt zu haben scheint, die Französische Revolution und den derselben einverwebten Freyheits- und Gleichheitsschwindel von einer lächerlichen Seite zu zeigen.“ So gab man selbstverständlich die Schrift schon unter dem 29. November frei, und in Schöppenstedt konnte man aufatmen; es hat dort zumindest zu und vor jener Zeit nie eine Revolution gegeben. Man war weiterhin angesehen und herzogstreu.

Man sollte meinen, daß es auch aus dem vorigen, dem 19. Jahrhundert, Unterlagen über Zensuren gab. Das war nicht der Fall. Es mag daran liegen, daß die Helmstedter Universität Vergangenheit war und die Professoren unsere Stadt verlassen hatten, so daß nur noch eine Zeitung und nicht zu beanstandende regionale Schriften gedruckt wurden. Erst zur Zeit des Ersten Weltkrieges und kurz davor gab es Listen mit sozialistischen Schriften, die aber sämtlich anderweitig erschienen waren, von denen man lediglich vermutete, daß sie auch in Helmstedt vertrieben wurden.

Die nachstehende Stammtafel zur Geschichte der Helmstedter Universitäts-Buchdrucker wurde übernommen aus Wilhelm Eule "Helmstedter Universitätsbuchdrucker", Helmstedt, 1921, Seite 79.

JACOBUS LUCIUS
d. Ä. kam 1570 von Wittenberg nach Helmstedt, errichtete die erste Helmst. Buchdruckerei; er starb 1597
ERBEN JAK. LUCIUS
von 15971598
JAK. LUCIUS D. JÜNG.
von 15981616
ERBEN JAK. LUCIOS
von 16161634 unter Leitung von Henning Müller d. Ält.
GEORG CALIXT
errichtete im Jahre 1626 in Helmstedt eine zweite Druckerei
JAKOBUS LUCIUS III.
von 16341639
HENNING MÜLLER D. Ä.
Pächter von 16341658
ERBEN JAK. LUCIUS
von 16391640 unter Leitung von Henning Müller d. Ält.
JOH. GEORG TRÄGER
Pächter von 16581659
HENNING MÜLLER D. J.
gelangte durch Heirat einer Enkelin Jak. Lucius d. Ä. in den Besitz der Druckerei von 16401672
MARTIN VOGEL & JOH. GEORG TRÄGER
Pächter von 16591660
JAKOB MÜLLER
aus Stettin errichtete im Jahr 1661 in Helmstedt eine Buchdruckerei u. übernahm 1672 die Calixtinische Druckerei; starb 1681
HEINR. DAVID MÜLLER
von 16721680
HENNING MÜLLER D. J.
Pächter von 16601672
H. D. MÜLLERS ERBEN
von 16801681
HEINRICH HESS
von 16811716
G. WOLFGANG HAMM
von 16811715
JOH. STEPHAN HESS
von 17161725
SALOMON SCHNORR
aus Halle; errichtete um 1680 in Helmstedt eine Druckerei; starb 1723
HERM. DANIEL HAMM
von 17151723
SEBAST. BUCHHOLTZ
von 17251731
PAUL DIETR. SCHNORR
von 17231753
H. D. HAMMS ERBEN
von 17231733
ERB. SEB. BUCHHOLTZ
von 17311739
JOHANN DRIMBORN
von 1733 bis Anfang 1760
MICHAEL GÜNTHER LEUCKART
von 17391782
Ww. SCHNORR & SOHN
von 17531793
JOH. HEINR. KÜHNLIN
von Anfang 17601800
SIG. DAV. LEUCKART
von 17821826; übernahm 1801 die Druckerei d. J. H. Kühnlin
C. L. FLECKEISEN
von 17931811 in Helmstedt; nach Aufhebung der Universität wurde die Druckerei nach Heiligenstadt und 1815 nach Duderstadt verlegt
J. R. G. LEUCKART
wurde 1826 alleiniger Besitzer der Druckerei; starb 1840

Die Helmstedter Bürgermeister von 1750 bis 1933 (S. 524–530)

Der Helmstedter Bürgermeister im Mittelalter wird urkundlich erstmals 1232 als Einzelperson erwähnt. Das war ein gewisser Wulframus. Auch die Stadtrechtsurkunde von 1247 spricht des öfteren von dem Bürgermeister. Später waren es vier, mitunter „Consules“ genannte Herren, die an der Spitze der Stadt standen und die sich im Regieren zu zweit jährlich ablösten. Sie wurden nicht von der Bevölkerung, sondern von den Ratmannen gewählt, das waren in der Regel 10 bis 15 Bürger, die sich ggf. aus sich selbst ergänzten.

Daran änderte sich nichts, als Helmstedt 1490 zum Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel kam. Einen Teil ihrer Rechte hatte die Stadt dem Abt von Werden, dem bisherigen Stadtherren, schon abgetrotzt oder als Pfand für geliehenes Geld erhalten, weitere wurden ihr in den folgenden Jahren und Jahrzehnten von den braunschweigischen Herzögen ebenfalls als Sicherheit für Darlehen verpfändet. Wegen der fehlenden finanziellen Mittel gelang es den Herzögen in der Folgezeit nicht, sie wieder einzulösen. Das wurde anders, als Herzog Carl I. 1735 an die Regierung kam. Er war ein Herrscher, der dem Geist der Zeit nach als absoluter Landesherr auftrat und möglichst alles, was zu regieren und zu verwalten war, an sich riss und deshalb der Stadt die Regalien und Gerechtsame kündigte. Das fiel ihm um so leichter, weil das Geld im Laufe der Zeit wertloser geworden war. So übernahm er es jetzt, den Rat so zu besetzen, wie er es für richtig hielt. Er bestimmte auch den Bürgermeister, der nunmehr gleichzeitig Gerichtsschultheiß wurde. Gerichtet wurde damals „im Namen des Herzogs“.

Im Zusammenhang der Helmstedter Bürgermeister sollte der ältesten, aber nun nicht mehr in Helmstedt lebenden Familie gedacht werden: der Dorguths. Sie stammen aus Ostingersleben, dort sind sie 1411 nachgewiesen, und 1460 wurden zwei Söhne des „ältesten“ Dorguths, nämlich Henning und Hermann, Bürger unserer Stadt. 1468 wird ein Hinrik D. als Gerichtsvogt genannt, und 11 Jahre später sitzt Johann D. als Zweiter Bürgermeister im Rat der Stadt. 300 Jahre lang sind die Dorguths Mitglieder der Ratsversammlung, stellen sogar zeitweise einen Bürgermeister oder den Kämmerer. Der letzte Inhaber eines hohen Amtes war Johann Heinrich D., verstorben 1743. In jenem Jahr wurden aus den Ehrenämtern Hauptämter, das war nun nichts mehr für die Kaufmannsfamilie Dorguth. Kaufleute waren sie bis zum „Schluss“. Im Jahre 1764 erwarb der Schuhmacher, Leder- und Viktualienhändler (Lebensmittel) Johann Andreas Heinrich Dorguth das Grundstück mit der ass-Nr. (Brandkassen-Nr.) 31 auf dem heutigen Gelände des Papenbergs 27. Sein Großsohn Eduard Dorguth erwarb das Nachbargrundstück. mit der ass.-Nr. 34 hinzu. Er riss die beiden benachbarten Gebäude ab, baute ein neues, und dies führte nun die amtliche Bezeichnung „Papenberg 27“. Über dem Eingang zu dem Lebensmittelgeschäft stand der Name „Eduard Dorguth“. Nach dem Tode von Eduard Dorguth 1864 übernahm der Sohn Otto das Handelsgeschätt und übertrug es 1914 auf den vielen Helmstedtern noch bekannten Franz Dorguth. Mancher erinnert sich vielleicht noch an diese markante große Gestalt, die – in meiner Erinnerung schon mit weißem Haar – allmorgendlich am Eingang der Lebensmittelgroßhandlung stand, um das Wegschaffen der Ware zu den Einzelhändlern im Landkreis Helmstedt und den nachbarten Kreisen zu überwachen. Den Eingang gibt es heute noch, wenn auch in veränderter Form. Die Firmeninschrift ist verschwunden. An die Dorguths erinnert lediglich schräg gegenüber im Rohr’schen Haus im untersten Bereich der Wappen das 10. Feld mit den Initialen links H. D. = Heinrich Dorguth und rechts daneben D. B. = Der Bürgermeister.[13]

Der erste Bürgermeister, den der Herzog ernannte, war 1744 Johann Dietrich Lichtenstein. Er war ein Mann, der sich um Helmstedt besonders verdient gemacht hat. Sein Großvater war noch Rabbiner gewesen, er selbst war aber ein christlich getaufter Jude. Er war am 17. Juli 1706 in Aurich geboren, er starb in Helmstedt am 24. Januar 1773. Er hat das Amt bis zu seinem Tod inne gehabt. Gewohnt hat er zuletzt in dem Haus Streplingerode 1 (direkt gegenüber der Kybitzstraße).

Lichtenstein hatte in Helmstedt studiert, war anschließend Hauslehrer in Wolfenbüttel gewesen und dann „Beamter“ in der herzoglichen Regierung. Neben ihm gab es den 2. und 3. Bürgermeister, die damals ebenfalls vom Herzog ernannt wurden. Der 3. Bürgermeister war gleichzeitig Kämmerer; der 2, der Vertreter des 1. Bürgermeisters und Stadtsyndikus.

Nachfolger von Lichtenstein wurde Eberhard Ludwig Cellarius. Schon der Vater war als Vorgänger von Lichtenstein Bürgermeister gewesen, zunächst zweiter, dann ab 1727 bis zu seinem Tode 1743 erster. Er wohnte Kybitzstraße 7. Der Sohn Eberhard regierte leider nur drei Jahre. Er starb am 6. März 1776. Ihm gehörte bis 1757 das Haus Schuhstraße 14, das Meibom’sche Haus also.

Ab 1777 war Johann David Kühne Bürgermeister unserer Stadt, nach dessen Tod 1781 der Oberamtmann Rhamm. Jener wohnte Heinrichsplatz 10, er starb 1790. Seine Tochter Friederike heiratete Ende 1790 den berühmten Philosophieprofessor Gottlob Ernst Schulze. Das Ehepaar wohnte im Haus des verstorbenen Vaters bzw. Schwiegervaters. 1793 aber starb, 26 Jahre alt, Frau Schulze.

Nachfolger von Rhamm wurde der Hofrat Fein. Er war vorher Kommissionsrat in Holzminden gewesen. Fein blieb in Helmstedt Bürgermeister bis zum Jahre 1808, also sogar bis in die Franzosenzeit hinein. Er hat sich um Helmstedt und um die Universität verdient gemacht, als er 1791 in einem Studentenaufruhr erfolgreich vermittelte. Er bekannte sich nach 1806 zu Napoleon und zu dem neuen Staat „Königreich Westphalen“. Mit Professor Henke war er 1807 in Paris. 1808 endete sein Amt hier in Helmstedt. Zwei Jahre später wurde er Generaldirektor der Staatsdomänen für das Königreich Westphalen, 1813 starb er in Kassel. Sein in Helmstedt 1803 geborener Sohn Georg Fein jun. ist in der allgemeinen Politik bekanntgeworden. Er war einer der bekanntesten frühen deutschen Demokraten des Vormärz, also bereits vor der Märzrevolution 1848 national-freiheitlich aktiv und wurde von den regierenden Fürsten verfolgt.

Während Fein als Bürgermeister erst dem Herzog von Braunschweig und dann Napoleon Jerome diente, war es bei seinem Nachfolger Johann August Philipp Ferber umgekehrt.

Die Ferbers stammten aus Sambleben bei Schöppenstedt. Der Großvater des Helmstedter Bürgermeisters war dort Küster und Lehrer, der Vater hatte in Helmstedt studiert und war Magister geworden, dann Konrektor an der Lateinschule und schließlich Rektor und Professor. Er ging aber schon bald nach Magdeburg und ließ in Helmstedt seine Frau und den am 5. Februar 1773 geborenen Johann August Philipp F. zurück. Dieser wurde 1797 zunächst ohne Gehalt Aktuarius bei der Stadt Helmstedt, dann schließlich bekam er eine Planstelle, und danach wurde er 1804 Stadtsekretär. Bürgermeister, Maire wie es damals hieß, wurde er 1808 und blieb es auch nach dem Abzug der Franzosen. Jetzt war er wieder Bürgermeister und erhielt später sogar den Titel „Stadtdirektor“. Im 71. Lebensjahr bat Ferber um seine Pensionierung und wurde nach 47 Dienstjahren mit einer Pension von 650 Talern zum 1. Februar 1844 in den Ruhestand versetzt. Am 7. Januar 1853 starb J. A. P. Ferber. Gewohnt hat er bis zuletzt in seiner Dienstwohnung im Rathaus, die aus einer Stube und zwei Kammern bestand. Er war verheiratet, hatte eine Tochter, von ihnen ist aber nichts weiter überliefert. Ferbers charakteristische, nicht leicht lesbare Handschrift begegnet mir auch heute noch in vielen Akten. Das zeugt von dem ungeheuren Fleiß dieses Mannes. Er hat bewegte Zeiten erlebt: die Franzosen, deren Abzug, die erneuerte Landschaftsordnung vom 25. April 1820, Herzog Karl II., die Revolution von 1830, die neue Landschaftsordnung vom 6. Oktober 1832 und schließlich auch noch die Städteordnung vom 4. Juni 1834.

Erstmalig wird nach Ferbers Pensionierung ein Bürgermeister vom Magistrat und von der Stadtverordnetenversammlung gewählt, nicht mehr vom Herzog ernannt. Allerdings bedarf die Wahl eines Bürgermeisters der Bestätigung durch den Landesherrn. Gewählt wurde Carl Claus, geboren am 17. Februar 1813 in Helmstedt. Seine Eltern waren Anfang des Jahrhunderts nach Helmstedt gezogen, der Vater war Pedell beim Kreisgericht, das damals in den Räumen der aufgehobenen Universität war. Dort wuchs der Sohn mit einem Bruder und zwei Schwestern auf. Er besuchte hier das Gymnasium bis zum Abitur. Geld für ein Studium war offenbar nicht vorhanden. Der junge Abiturient bewarb sich deshalb und sogar erfolgreich um eine Stelle als Auditor bei der Stadt. Zehn Jahre später wurde er, wie erwähnt, zum Bürgermeister mit einem Jahresgehalt von 600 Talern gewählt. Nun konnte er auch heiraten, am 17. Oktober 1844 fand in der St. Stephani-Kirche die feierliche Eheschließung mit der Tochter des Kaufmanns und Stadtrats E. C. A. Bötticher statt, dessen Nachfahren heute noch in Helmstedt leben. Die Familie Bötticher ist u. a. Inhaberin der Firma Fuhrmann.

Am 24. Juli 1845 wurde der Sohn Johann Friedrich geboren, der leider 1851 starb. Bei der Geburt des zweiten Sohnes am 1. März 1848 starb die Ehefrau und kurz danach auch das Kind. Beide wurden gemeinsam in einem Sarg auf dem „Alten Friedhof“ begraben. Claus hat nicht wieder geheiratet, seine zwei Jahre jüngere ledige Schwester betreute ihn. Die viele Arbeit als Bürgermeister half ihm über die Trauer hinweg. Noch im Dienst starb er, gerade einmal 61 Jahre alt geworden, am 11. Juni 1874.

Nach dem Tod des Bürgermeisters Claus übernahm das ehrenamtliche Magistratsmitglied Louis Löser die Geschäfte der Stadt. Er regelte auch die Wahl des neuen Bürgermeisters. Auf die Ausschreibung bewarben sich vier Juristen, diese Vorbildung war gefordert worden.

Gewählt wurde mit 11 von insgesamt 20 Stimmen der 25-jährige Polizeiassessor Hartwieg aus Braunschweig. Er war 1849 in Gittelde als Sohn eines Landarztes geboren. Nach dem Abitur hatte er Rechtswissenschaften studiert und war vor seiner Helmstedter Zeit bei der herzoglichen Polizeidirektion beschäftigt gewesen. Der Herzog bestätigte die Wahl und verlieh Hartwieg den Titel „Bürgermeister“. Am 2. Oktober 1874 wurde er vereidigt und in sein Amt eingeführt. Kennern der braunschweigischen Geschichte ist der Name Hartwieg als späterer leitender Minister des Herzogtums bekannt. 1879 verließ er Helmstedt. Der Herzog hatte ihn zum Ministerialsekretär mit dem Titel eines Regierungsassessors ernannt und ihm aufgegeben, die neue Stelle spätestens am 1. Juni anzutreten. Gewohnt hat Hartwieg im Stadthaus für eine jährliche Miete von 300 Thlr. Sein Gehalt betrug 1.200 Rthlr. jährlich bei einer Steigerung um 10 Thlr. alle drei Jahre bis zur Höchstgrenze von 1.800 Thlr. 1914 ist Hartwieg in Braunschweig gestorben.

Die Ausschreibung der erneut freigewordenen Bürgermeisterstelle erfolgte im ganzen Reichsgebiet. Es bewarben sich 21 Personen, darunter nur zwei Braunschweiger, die aber nach eingezogenen Erkundigungen zu dem Amt eines Vorstehers des Stadtmagistrats nicht geeignet erschienen. Das musste dem Herzog ausdrücklich mitgeteilt werden, denn Braunschweiger waren zu bevorzugen. Gewählt wurde der Bürgermeister von Tarnowitz, Hildebert Guericke, mit 16 gegen eine Stimme. Tarnowitz lag im damaligen Oberschlesien unmittelbar an der Grenze, es hatte viele polnische Einwohner. Dies war auch der Grund, weshalb Guericke sich verändern wollte. Er war 1848 in Halle an der Saale als Sohn eines Professors der Theologie geboren. Seit 1877 war er Bürgermeister von Tarnowitz. Das Gehalt in Helmstedt war geringer: 3.600 Thlr. gegenüber dort 4.000. Dennoch nahm er die Wahl an. Mit dem Magdeburger Bürgermeister und Kollegen Otto von Guericke (16021686) sind unsere Guerickes weitläufig verwandt.

In die Zeit der Amtsführung des Bürgermeisters Guericke fiel die bereits erwähnte Erweiterung der Stadt zum Westen bzw. Nordwesten hin, also die Erbauung der heutigen Unterstadt.

Mit dem 1. Oktober 1898 schied Bürgermeister Guericke krankheitshalber aus seinem Amt aus. Die vielen Aufgaben, aber auch, mancherlei Kritik, die er über sich hat ergehen lassen müssen, haben sicherlich an seinen Kräften gezehrt. Er war ein etwas empfindsamer Mensch, der über so manches nicht so leicht hinweggehen konnte und der aber auch nicht immer das richtige Gespür für die eigenen Äußerungen hatte.

So beantragte er erstmals unter dem 9. März 1892 seine Pensionierung. Diesem Gesuch wurde nicht entsprochen. Nach Kuren in Lugano (1894) und Bad Wildungen (1895) wurde ein erneuter Antrag angenommen. Bei einem Abschiedsessen im Stadthaus am Sonntag, dem 25. September 1898, wurde er mit vielen Lobreden verabschiedet.

Guericke hat zeitweise in der Wilhelmstraße 14 und später Südstraße 10 gewohnt. Nach seiner Pensionierung hat er Helmstedt verlassen. Er lebte zunächst in der Nähe von Wernigerode, später in Wilhelmshaven. Er verstarb am 24. März 1928 in Neuersburg/Oldenburg.

Nachfolger wurde einer der acht Juristen, die sich beworben hatten: Franz Schönemann, zuletzt in Holzminden tätig. Er war am 3. September 1868 in Seesen geboren. Verlockend war derzeit das Amt wohl nicht, denn von denen, die sich beworben hatten, waren die meisten Braunschweiger und ansonsten sehr unbekannt. In Schönemanns Amtszeit wurde das neue Rathaus gebaut, er hatte die Schwierigkeiten des Ersten Weltkrieges und die noch größeren im Jahr danach zu bewältigen. Die an anderer Stelle geschilderten Ereignisse im April 1919 waren wohl auch der Grund, weshalb er sich nicht wieder um das Amt des Bürgermeisters bemühte. Zum 1. Oktober 1919 schied er aus. Das Helmstedter Kreisblatt widmete ihm ein Drittel der lokalen Seite. Es verweist zunächst auf die Bauten zu seiner Zeit: „Um nur einiges aus seiner Tätigkeit herauszugreifen, sei auf das Armenhaus, das Rathaus, das Wasserwerk, Kapelle des Stephani-Friedhofs, die Ernst-August-Schule, Erweiterung der Landwirtschaftlichen Schule, Erweiterung des Krankenhauses, Ausbau der Kanalisation und Neubau des Waisenhauses hingewiesen. Es sind dies Arbeiten, die in die Augen springen: unbemerkt von den meisten ist jedoch von Bürgermeister Schönemann eine ganz ungeheure Arbeit in den Mauern des Rathauses geleistet, die nur der zu würdigen versteht, der sie kennt.“ Er war weiter Landtagsabgeordneter in Braunschweig. In dieser Position setzte er seine Kraft ein, um mit viel Geschick das Beste für die Stadt herauszuholen. Er hat für die Stadt, so das Kreisblatt, „große Flächen Grundbesitz in ihrer Hand vereinigt“, um so die Möglichkeit zu schaffen, an der Preisfestsetzung der Grundstücke mitzuwirken und billiges Gelände für städtische Zwecke zur Verfügung zu haben.

Wie alle Bürgermeister, so wurde auch Schönemann ein Opfer der „neuen Zeit“, denn die Revolution ließ durch „Gesetz über die Wahlen der Vorsteher und der Mitglieder des Rates in den Städten des Freistaates Braunschweig“ vom 9. August 1919 die Amtszeit aller Bürgermeister und Magistratsmitglieder zum 30. September 1919 enden. So ging Schönemann in den Ruhestand, er wollte, wie bereits erwähnt, für das Amt des Bürgermeisters über den 30. September hinaus nicht kandidieren. Sicherlich wäre er gewählt worden. Er zog auf sein Rittergut nach Rottorf bei Königslutter. Dies hatte er sich auch mit dem Vermögen seiner Ehefrau gekauft. Dort starb er am 19. April 1953.

Am 1. Oktober 1919 traten nun diejenigen Bürger als Bürgermeister oder als Magistrat ihr Amt in, die von der wahlberechtigten Bürgerschaft, das waren alle männlichen und nun auch weiblichen Personen, die 20 Jahre alt und älter waren, in freier, gleicher, geheimer und direkter Wahl gewählt worden waren. Es war die erste und auch einzige unmittelbare Wahl eines Bürgermeisters durch die Bürger: Insoweit nahm man es mit der Demokratie sehr ernst. Der Bürgermeister wurde auf sechs, die Stadträte (der Magistrat) auf drei Jahre gewählt. Für den Bürgermeister war die absolute Mehrheit erforderlich, d. h., er musste mehr also 50 % der gültigen Stimmen haben, bei den Stadträten genügte die einfache Mehrheit, hier galt das System der Verhältniswahl. Durch die Listenwahl hier bei uns in Helmstedt hatte dieses Wahlsystem 1919 noch keine Bedeutung.

Zu der Wahl am 21. September 1919 kandidierten auf der Liste 1 für das Amt des Bürgermeisters der Stadtsyndikus Dr. Velke und für das des Stadtrats der Fabrikbesitzer Karl Fickendey und der Zigarrenfabrikant Gottfried Schipper, Markt 9. Diese Liste wurde von der SPD, der Deutschen Demokratischen Partei und der Christlichen Volkspartei unterstützt. Die Liste 2 war die der Unabhängigen Sozialisten. Um das Bürgermeisteramt bewarb sich hier der Invalide Wilhelm Herok, Braunschweiger Straße 9, für das Amt des Stadtrats der Schuhmachermeister Bernhard Lange vom Großen Katthagen und der Gastwirt Karl Lehmann vom Holzberg.

Gewählt wurde mit 4.327 Stimmen Dr. Velke. Für den Kandidaten der Liste 2 waren 1.313 Stimmen abgegeben worden. Stadträte wurden Fickendey (Gas- und Wasserwerk, Bauwesen, Kanalisation und Lebensmittelversorgung) und Schipper (Fürsorge, Marktwesen, Waisenhaus, Preisprüfungsstelle).

Noch einmal durften die Bürger die Stadträte direkt wählen. Das war am 17. September 1922. Es konnten aber nur Listen, nicht Kandidaten angekreuzt werden. Gewählt wurden jetzt vier Stadträte. Auf Liste 1, die Bürgerlichen, entfielen 3.595, auf Liste 2, Kommunistische Partei, 866, auf Liste 3, USPD, 1.482 und auf Liste 4, SPD, 939 Stimmen.

Stadträte wurden von den Bürgerlichen der Rentner und frühere Malermeister Hermann Stöber und der Studienrat und spätere Oberstudienrektor Otto Kirchhoff, von der USPD der Geschäftsführer Wilhelm Jünke und von der Sozialdemokratischen Partei der Tischler Franz Hanisch. Stöber starb am 4. August 1923. Er war mehr als 25 Jahre Stadtverordneter gewesen, lange Zeit davon auch deren Vorsitzender und jetzt leider für nur ein ¾ Jahr Stadtrat. An ihn erinnert die „Hermann-Stöber-Straße“. Er wohnte in Helmstedt Ziegenmarkt 1.

Kirchhoff wurde Dezernent für das Wohnungswesen, Hanisch für das Siedlungswesen, Fürsorge und Teile des Wohlfahrtswesens, Jünke für die Lebensmittelversorgung und die Preisprüfungsstelle und Stöber für das Gas- und Wasserwerk, Bauwesen, Kanalisation, Straßenbeleuchtung und Marktwesen. Nach seinem Tode wurde ab 28. August 1923 der Kaufmann Kurdum, Bötticherstraße 14, sein Nachfolger.

1924 erhielt das Land Braunschweig eine neue Städteordnung. Sie hob das bisherige Geselz aus dem Jahre 1892 und das von 1919 auf. Entsprechend dem Bemühen, mehr Demokratie zu wagen, wurden die Rechte der Stadtverordnetenversammlung verstärkt. Das Zweikammersystem der bisherigen Städteordnung wurde abgeschafft. Es galt ohnehin nur für einige besondere städtische Belange. Es hatte darin bestanden, dass in gesetzlich genau festgelegten Fällen Beschlüsse nur in der sogenannten Vereinigten Versammlung, bestehend aus den Stadtverordneten und den Mitgliedern des Magistrats (einschließlich Bürgermeister), gefasst werden konnten. Beibehalten wurde aber der Magistrat, der jetzt Rat der Stadt hieß. Er war nach wie vor ein Kollegium, bestehend aus dem Vorsitzenden, der die Bezeichnung Bürgermeister führte und auf mindestens sechs Jahre zu wählen war, und aus mindestens zwei weiteren Mitgliedern. Die genaue Zahl war durch Ortsgesetz festzusetzen. In Helmstedt waren es vier. Sie trugen die Bezeichnung „Stadtrat“. Es waren wiederum Bürger der Stadt, die unbesoldet als Dezernenten im Dienste der Allgemeinheit tätig waren. Sie wurden jetzt nicht mehr wie 1919 und 1922 von den wahlberechtigten Einwohnern direkt gewählt, sondern nach der neuen Städteordnung von den Stadtverordneten. Sie hatten somit deren Vertrauen und sollten den Einfluss der Bürger bei den unmittelbaren Verwaltungsgeschäften sichern. Besoldete Stadträte, die auch hätten ernannt werden können, hat Helmstedt nie gehabt. Auch der damalige Leiter des Rechtsamtes, der Stadtsyndikus Wendt, war kein gewählter Stadtrat, sondern besoldeter Beamter. Er musste 1933 offenbar aus politischen Gründen seinen Dienst aufgeben. Er war dann Rechtsanwalt in Helmstedt.

1925 war die Wahlperiode des Stadtrats abgelaufen. Schon am 2. April wurden von den Stadtverordneten der Studienrat Meinhold Kirchhoff und der Kaufmann Kurdum von der Liste 2, der Tischler Hanisch und der Gewerkschaftssekretär Werner von der Liste 1 zu Stadträten gewählt.

Herr Werner verzog im Mai 1926 nach Gladbeck. Für ihn kam der Justizobersekretär Schnelle in den Stadtrat. Die Tätigkeit war nach wie vor ehrenamtlich, die Stadträte erhielten noch nicht einmal die Aufwandsentschädigung der Stadtverordneten, denen monatlich 30 Mark zustanden. Bei der nächsten Wahl am 17. März 1928 kamen der Oberstudienrat Otto Kirchhoff, damals Moltkestraße 14 (heute Gustav-Steinbrecher-Straße), der Tischler Fr. Hanisch, Braunschweiger Tor 20, der Justizobersekretär Schnelle, Goethestraße 36, und der Rentner Hermann Deppold, Walbecker Straße 27, in den Magistrat der Stadt. Inzwischen gab es für diese zeitraubende Arbeit monatlich 30 Mark. Herr Hanisch schied altershalber Anfang 1930 aus. Nachfolger wurde der Tischlermeister Heinrich Kühne, Braunschweiger Straße 18. Für Herrn Schnelle, der im Mai 1930 sein Amt niederlegte, rückte der Gewerkschaftsangestellte Paul Beccard, Triftweg 22, nach. Am 12. März 1931 wurden durch Wahl der Oberstudienrat O. Kirchhoff, der Kaufmann Hans Henneke, Bahnhofstraße 12 (heute Magdeburger Straße), Franz Baumgart und Paul Beccard Stadträte. Inzwischen gab es mit dem 30. Januar 1933 die sogenannte Machtübernahme durch Hitler, ein nicht nur für Deutschland verhängnisvolles Ereignis.

Während am 3. März 1933 laut Mitteilung im „Kreisblatt“ Herr Henneke aus beruflichen Gründen sein Amt niederlegte – für ihn kam der Fabrikbesitzer Hugo Siebler –, findet sich unter dem 28. März 1933 die Notiz: „Die Herren Stadträte Beccard und Baumgart sind im Interesse des Dienstes beurlaubt. Beiden ist mündlich Kenntnis gegeben.“ Zwei Tage später verzichteten sie auf dieses Ehrenamt. Der Grund ist an anderer Stelle erörtert worden. Auch Otto Kirchhoff verzichtete. Durch das Gesetz über die Neubildung des Landtages, der Kreistage und der Stadtverordnetenversammlungen vom 4. März 1933 wurde das Stadtparlament neu zusammengestellt. Wahlvorschläge hatten nur noch die NSDAP und der Kampfblock „Schwarz-Weiß-Rot“ der Deutschen Volkspartei gemacht. Die Deutsche Zentrumspartei hatte ihren Vorschlag zurückgezogen. Die anderen Parteien hatte man gewaltsam von der politischen Willensbildung ausgeschlossen. Nach dem Verhältnis der diesen beiden Wahlvorschlägen bei der am 5. März 1933 vorgenommenen Reichstagswahl zugefallenen Stimmen entfielen im Stadtparlament auf die NSDAP 14 Sitze und auf den Kampfblock drei. Es wählte auch die Stadträte neu: die Herren Schünemann, Denecke, Most und Schlimme. Beruhte die Zusammensetzung der Stadtverordneten schon auf keiner Wahl, so wurden in Zukunft ausscheidende Stadträte und Verordnete durch Entscheidung des Bürgermeisters einfach ergänzt. Bürgermeister Dr. Velke, der im Sommer 1925 für die Dauer von 12 Jahren erneut gewählt worden war – diese Wahl war wegen der neuen Städteordnung erforderlich geworden –, reichte im Oktober 1933 aus „dienstlichen Erwägungen“ ein Gesuch um Versetzung in den Ruhestand ein.

In der ersten Stadtverordnetenversammlung nach der „Machtübernahme“ vom Januar 1933 am 27. April 1933 hatte sich Dr. Velke in einer Erklärung noch voll hinter die nationale Regierung Bestellt. Dem Bericht des Kreisblattes nach erklärte er oder musste er dazu erklären, dass ihm nunmehr Gelegenheit gegeben sei, nur mit Männern der Tat und Männern nationalen Gesetzes zusammenzuarbeiten, deren politisch-wirtschaftliches Programm Gewähr dafür bietet, dass ein Wendepunkt in der Kommunalverwaltung und damit in der Geschichte der Stadt eintrete. Geholfen hat es ihm nichts, er sei, wie sich in der Sitzung vom 17. Oktober 1933 anlässlich der Beratung über das Entlassungsgesuch ein Stadtverordneter ausdrückte, weder rechts noch links, weder beim „Stahlhelm“ noch beim „Reichsbanner“, und eine klare Haltung sei bei diesem Man in keiner Form hervorgetreten. Einer der vier Stadträte sprach weiter davon, dass sich ein gedeihliches Zusammenarbeiten des Rates der Stadt mit Dr. Velke in der Zeit nach der nationalsozialistischen Revolution als nicht möglich erwiesen habe. So habe er, als man übereingekommen sei, den Stadtsyndikus Wendt im Wege eines Verfahrens aus dem städtischen Dienst zu entlassen, jenem trotzdem ein Zeugnis ausgestellt und darin dessen Eignung und Befähigung während seiner Dienstzeit im schönsten Lichte erscheinen lassen. Ein anderer Stadtrat argumentierte, dass mit der Entlassung des Dr. Velke der Liberalismus aus dem Rathaus endgültig verschwinden werde. Das stimmte sicherlich und wurde damals positiv gesehen.

Dem Gesuch des Bürgermeisters um Versetzung in den Ruhestand wurde einstimmig stattgegeben. Er wurde bei einer jährlichen Pension von damals 8.204,88 Reichsmark einschließlich 960 Reichsmark Kinderzulage in den Ruhestand versetzt. Dr. Velke blieb in Helmstedt. Aus seiner Wohnung Roonstraße[14] 1 (heute Doktor-Heinrich-Jasper-Straße) zog er um in die Parkstraße 2 und eröffnete dort eine Rechtsanwaltspraxis. Am 27. November 1952 starb er in Querenhorst während einer Jagd an einem Herzschlag. Dr. Velke stammte aus Velpke (er war dort am 9. Dezember 1883 als Sohn eines Steinbruchbesitzers geboren). Die Geschäfte des Bürgermeisters führten jetzt bis zum Januar 1935 die vier Stadträte, insbesondere der Zahnarzt Paul Denecke vom Kleinen Wall 19. Dann kam Bürgermeister Kurt Drechsler.

Den Mitgliedern des Helmstedter Rates sind einige der hier gewürdigten Persönlichkeiten bei jeder Sitzung gegenwärtig. Sie sind in Porträts abgebildet in den Buntfenstern unseres Sitzungssaals. Es sind dies von links nach rechts Johann Dietrich Lichtenstein, Adolf Hartwieg, Hildebert Guericke und Franz Schönemann.

Helmstedter Begräbnisplätze (S. 547–554)

Wenn in diesem Buch versucht wird, das Leben der Helmstedter in den vergangenen Jahrhunderten zu beschreiben, so sollen die Plätze nicht unerwähnt bleiben, an denen jeder, der hier gelebt hat, nach einem oft mühevollen Dasein seine letzte Ruhe gefunden hat.

Das älteste Denkmal dieser Art sind – vor den Toren der Stadt deutlich sichtbar – die Lübbensteine auf dem St. Annen- oder auch – 1501 erstmals so genannt – Corneliusberg. Namensgeber war demnach nicht der 1621 in Helmstedt verstorbene bekannte Professor Cornelius Martini, sondern wahrscheinlich der als Märtyrer in die Kirchengeschichte eingegangene Papst Cornelius, gestorben 1253, der Heilige für Hirten und Tiere. In unmittelbarer Nähe am Pfingstberg wurde in den 50er Jahren dieses Jahrhunderts dank der Aufmerksamkeit des Studienrates Siebers, der sich um die Aufhellung der vorgeschichtlichen Zeit im Bereich Helmstedt große Verdienste erworben hat, ein heidnischer Urnenfriedhof aus vor-, aber auch aus nachchristlicher Zeit (3. bis 5. Jahrhundert nach Christi Geburt) freigelegt. Gräber aus früherer Zeit wurden oftmals bei der Anlegung von Tagebauen durch die BKB gefunden.

Als man begann, feste Kirchen zu errichten, legte man um sie herum einen freien Platz an, auf dem die Toten ihre letzte Ruhestätte fanden. Sie waren somit der Kirche und den Gemeindemitgliedern, die bei ihren Kirchengängen an ihnen vorübergehen mussten, nah. So blieben die Lebenden mit den Toten eng verbunden.

Im Bereich der ummauerten Stadt Helmstedt gab es zwei Begräbnisplätze: den um St. Stephani und einen weiteren um St. Walpurgis. Der größere der beiden war der bei der Stephani-Kirche. Er wurde bereits im 17. Jahrhundert zu klein. 1702 heißt es, „dass für die Toten fast keine Stelle mehr übrig sei“. Deshalb wurde der Friedhof um den Organistengarten – das darauf befindliche Haus wurde abgerissen – zum Süden hin erweitert. Damit war das Problem nur vorübergehend gelöst, denn 1754 verlangte Herzog Carl, einen Gottesacker außerhalb der Stadt anzulegen. Die Stadt war nicht so dafür, sie verzögerte diese Angelegenheit. Deshalb ließ der Herzog 1770 schreiben, „dass diese Sache endlich einmal zustande komme“. Man solle die Begräbnisplätze für beide Gemeinden aus der Stadt herausverlegen. Schon 1755 waren vier Stellen dafür in Vorschlag gebracht worden: der am vormals Spießischen Hause gelegene Wallgarten (Magdeburger Straße), ein Gelände am Schöninger Wege, ein weiteres hinter dem sogenannten Lappenberg (heute Nord/LB) und schließlich das Tanzbleek an der heutigen Gustav-Steinbrecher-Straße.

Eine dieser Stellen, wahrscheinlich die am Lappenberg, war bis 1484 der Judenfriedhof gewesen. Er schied aus, denn „so hat es etwas Bedenkliches, einen Judenkirchhof für christliche Leichen zu nehmen“. Daß die Juden auch früher schon ihren Friedhof als „ewig“ angelegt hatten, störte offenbar nicht. Übrig blieb nach weiterer Prüfung der ca. zwei Morgen große Platz am Tanzbleek. Den bisherigen Kirchhof um St. Stephani wollte man planieren und dann mit Maulbeerbäumen bepflanzen. Die Blätter dieser Büsche sollten die wirtschaftliche Grundlage der vom Herzog gerade in jenen Jahren empfohlenen Seidenraupenzucht werden.

Aber auch gegen die Wahl des Tanzbleeks als Friedhof gab es Bedenken. Einmal würde der Wind aus dem Westen die Dünste in die Stadt hineintragen, zum anderen sei unter diesem Platz Braunkohle, die für das Schöninger Salzwerk benötigt werde. Schließlich müsse in jedem Fall eine Mauer um diesen Platz gezogen werden, was zusätzliche Kosten verursache, denn das Vieh würde gern die toten Körper aus der Erde wühlen bzw., dies trug Bürgermeister Lichtenstein 1754 aus Göttinger Erfahrung bei, sei eine Mauer deshalb nötig, „schon damit die Studiosi Medicini nicht die Cadavera ausgraben“, um dann an den Körpern die Anatomie studieren zu können.

Weil man sich nicht einigen konnte, blieb es dabei, die Plätze vor den beiden Kirchen St. Stephani und St. Walpurgis weiterhin als Begräbnisstätten zu nutzen. Den Bürgern war es sicherlich recht, hatten sie doch ihre toten Angehörigen weiterhin in unmittelbarer Nähe und harrten diese der Auferstehung im räumlichen und im sakralen Bereich der Kirche. Dennoch wurde 1758 schon von dem neuen Kirchhof auf dem Tanzbleek gesprochen. Es sollte aber noch genau 60 lahre dauern, bis er zum ersten Male benutzt wurde und der bisherige Stephani- und auch der Walpurgis-Kirchhof geschlossen wurden.

Die Begräbnisordnung für den neuen Platz am Tanzbleek datiert vom 3. Mai 1818. In ihr heißt es: „Höchster Bestimmung gemäß hört mit dem 30. Junius d. J. das Begraben sowohl auf dem St. Stephans- als Walpurgiskirchhofe auf. Auf dem neuen Kirchhofe werden alle Leichen in Reihe nebeneinander begraben.“

Wenn man auch schon 50 Jahre zuvor die Anschaffung eines besonderen Leichenwagens mit einem Verdeck erwogen hatte, so brauchte man ihn nun wegen der größeren Entfernung unbedingt. Es wurden gleich zwei angeschafft, wobei mit der Beerdigung auf dem neuen Friedhof die weitere Besonderheit, dass nämlich der Pfarrer die Leiche vom Wohnhaus aus begleiten und Bekannte und Schüler dabei singen durften (das sogenannte Hinsingen), endete. Allerdings, so die Satzung, falls es dennoch ausdrücklich verlangt werde, so könne dies, jedoch nur bis zum Stadttor, weiterhin erfolgen. Beerdigt wurde weiterhin aus den Häusern heraus, d. h., der Leichnam blieb dort bis zum Tage des Begräbnisses aufgebahrt.

Die bisherigen Begräbnisarten wurden auf vier Klassen reduziert. In der ersten Klasse wurde der Leichenwagen mit vier schwarz behängten Pferden bespannt. Der Wagen wurde mit einem Baldachin versehen, die beiden Kirchenglocken läuteten in drei Pulsen. Außerdem wurde des Verstorbenen an dem nächsten Sonntag in seiner Kirche gedacht.

Die Beerdigungen der zweiten Klasse erfolgten auf dem zweiten Leichenwagen, offenbar ohne Baldachin. Hier wurde in zwei Pulsen mit beiden Glocken geläutet, ansonsten war alles wie bei der ersten Klasse.

Auch bei einem Begräbnis dritter Klasse wurde der zweite Wagen benutzt, er war aber im Gegensatz zu den anderen Klassen nur mit zwei Pferden bespannt.

Bei der vierten Klasse wurde nur auf Verlangen geläutet und dann auch nur mit einer Glocke.

Im übrigen gab es verschiedene Beerdigungszeiten: Tote der ersten Klasse wurden morgens früh, die der zweiten etwas später, die der dritten und vierten mittags bzw. gegen Abend zur letzten Ruhe gebettet.

Die Beerdigungen für Bewohner aus dem Ostendorf erfolgten weiter auf dem Kirchhof St. Ludgeri. Hier bedurfte es wegen der Nähe des Platzes zu den Häusern keines Wagens.

Die Kosten einer Beerdigung betrugen laut einer Aufstellung von 1839 in der ersten Klasse ca. 70 bis 80 Taler einschließlich Sarg, in der zweiten 40 bis 50, in der dritten 20 bis 30 und in der vierten 10 bis 15. Wahrscheinlich entfiel bei den beiden letzten Klassen der Sarg, deshalb auch die Befürchtung, Tiere würden den Leichnam aus der Erde wühlen. In der Vorstadt Neumark waren die Kosten allerdings geringer, bei den Katholiken waren sie ganz unbedeutend. Sie bestanden dort hauptsächlich aus der Bewirtung der Träger. Träger waren Freunde, Bekannte, Nachbarn, bei verstorbenen Handwerksgesellen waren es stets die Nebengesellen.

Am 2. Juli 1818 fand auf dem neuen Friedhof (unserem heutigen „Alten Friedhof“ an der Gustav-Steinbrecher-Straße in der Nähe der Lademann-Realschule) die erste Beerdigung statt[15].

Mitte des vergangenen Jahrhunderts war dieser Platz leider schon wieder zu klein geworden. Er wurde 1848 zwar um vier Gartengrundstücke erweitert, aber 1872 wandte sich der Bürgerverein an den Magistrat und beantragte dringend eine Erweiterung des Platzes auf dem Tanzbleek. Der lehnte ab, da dies wegen der Lage und der unregelmäßigen Form nicht zweckmäßig sei. Beabsichtigt sei jedoch, einen Teil eines 60 Morgen großen und zum Kloster Ludgeri gehörenden Grundstücks an der Magdeburger Straße hinter der sogenannten Gennertschen Zuckerraffinerie zu erwerben. Dies geschah dann schon 1872/1873. Es wurden 10 Morgen angekauft. Am 9. September 1872 fand dort, auf unserem heutigen Stephani-Friedhof, die erste Beisetzung statt. Der alte Friedhof wurde um die Jahrhundertwende Park.

Bereits 1873 wurde auf dem Gelände ein sogenanntes Leichenhaus errichtet „zum Aufbewahren der Gerätschaften des Totengräbers, zur Niederlegung von armen Verunglückten sowie bei etwa ausbrechenden Epidemien als Aufbewahrungsort für Leichen bis zur Beerdigung“.

Sehr wahrscheinlich wurde für den Bau des Leichenhauses der von dem Kreisbaumeister Vibrans gezeichnete Riss zugrunde gelegt. Nach dieser Zeichnung war das Gebäude 8,16 m lang und 5,06 m breit, es hatte einen größeren Raum von ca. 26 m² und einen kleineren von 10 m² für die Geräte. Die Baukosten betrugen 570 Taler. Es stand am Platz des heutigen Blumenrondells, das man erreicht, wenn man den Friedhof durch die erste Pforte betritt. Sie stammt im übrigen aus dem Jahre 1888.

Das Leichenhaus diente auch der Aufbahrung der Verstorbenen, deren Angehörige in ihren Räumen so beschränkt waren, dass sie den Toten nicht „von den Überlebenden vollständig trennen können“. Gebracht wurden die Toten von den Angehörigen selbst oder vom Totengräber gewöhnlich nach 10:00 Uhr abends. Auf Wunsch hielt gegen Bezahlung der Totengräber für die Nacht vor dem Begräbnis die Totenwache. Wurde jemand ohne Totenschein in die Leichenhalle gebracht, so war eine Wache unabdingbar, bis der Tod bescheinigt werden konnte. Gerade in jenen Jahren hatte man viel von Scheintoten gelesen und gehört.

1913 wurde die neue Friedhofskapelle nach einem Entwurf des Professors Dr. Pfeiffer von der Technischen Hochschule Braunschweig gebaut. Die Alte war zu klein geworden, denn man war nun dazu übergegangen, nicht von den Häusern, sondern von der Kapelle aus die Beerdigung vorzunehmen. Als Ort der Trauerfeier erhielt sie einen kirchlichen Stil mit einem Türmchen mit Glocke. Die Kosten betrugen 26.064 Mark, sie überschritten den Kostenvoranschlag nur um 64 Mark.

Aus Anlass der Erbauung der neuen Kapelle erschien in der Helmstedter Zeitung die folgende Bekanntmachung:

„Die neu erbaute Kapelle auf dem St. Stephani Friedhofe ist fertiggestellt und wird hiermit allen Einwohnern der Stadt zur Benutzung übergeben. Zur Besichtigung ihrer Inneneinrichtung wird sie am Sonntag, dem 1. Juni, und am Sonntag, dem 8. Juni, von morgens 11:00 Uhr bis abends 6:00 Uhr geöffnet sein.
Helmstedt, den 29. Mai 1913
Der Stadtmagistrat Schönemann

Auch diese Kapelle existiert nicht mehr. Im März 1993 wurde sie abgebrochen, der Neubau im Herbst 1994 eingeweiht.

Der Friedhof wurde von Anfang an von der Kirche verwaltet. Während des letzten Krieges, im September 1941, übernahm ihn zwangsweise die Stadt. Am 1. April 1950 wurde er jedoch in die Verwaltung der Kirche zurückgegeben[15]), Der Grund und Boden gehörte aber weiterhin der Stadt. Grundlage der Entscheidung damals war das Gesetz über das Friedhofs- und Bestattungswesen des Landes Braunschweig vom 23. November 1927. Danach hatte eine Gemeinde die Möglichkeit, einen neuen, dann gemeindeeigenen Friedhof anzulegen, sofern der bisherige belegt war. Durch Vereinbarung mit der Kirchengemeinde konnte auch eine bestehende Begräbnisstätte ohne diese Voraussetzung in die kommunale Verwaltung übergehen.

An den Begräbnisplatz um die Stephani-Kirche erinnern heute noch die Grabplatten, die sich außen an dem Gebäude befinden. Schon bald nach der Schließung hatte man einen Teil des Kirchhofes an den Holzhändler Overlach verpachtet, der daraufhin sein Holz dort lagerte. Das alles zeugt von wenig Pietät gegenüber den Verstorbenen. Die Ehrfurcht vor den Gräbem war aber auch vorher nicht sehr verbreitet. Die Grabstelle des bedeutendsten Chirurgen des 18. Jahrhunderts, Professor Heister, der 1758 in Bornum verstorben war, war schon 1784 kaum auffindbar. Zwei berühmte italienische Wissenschaftler, Anatom Scarpa und Volta, nach dem die Maßeinheit der elektrischen Spannung, Volt, benannt wurde, besuchten Beireis in jenem Jahr und wollten auch die letzte Ruhestätte dieses großen Mediziners sehen. Erst Professor von Crell erinnerte sich der Grabstätte seines Großvaters. Irgendwo fand man dann auch den mit Moos überwachsenen Stein mit der schwer lesbaren Inschrift und damit die letzte Ruhestätte des für die Wissenschaft und für Helmstedt so bedeutenden Mannes[16]). Auch die Grabstelle des nicht minder berühmten Beireis ist unbekannt.

Besser erhalten sind die Erinnerungen an Personen, die den Vorzug hatten, innerhalb der Stephani-Kirche beerdigt zu werden. Wir sehen heute noch in der Kirche die verschiedenen Epitaphe, darunter z. B. das des berühmten Helmstedter Theologen Georg Calixt (Papenberg 21), während dagegen sein auf dem Gebiet der Jurisprudenz und der Medizin ebenso bekannter Kollege Hermann Conring (Ziegenmarkt 7) in der Dorfkirche Groß Twülpstedt – ihm gehörte dort das Gut – in einem Steinsarg seine ewige Ruhe gefunden hat.

Der Helmstedter Theologieprofessor Justus Christoph Boehmer (1670 bis 1732, in Helmstedt von 1698 bis 1727) hat in einem Druck die bis dahin bekannten Grabstätten festgehalten. In der Kirche St. Stephani befanden sich danach 1710 sehr viele Grabmäler, von denen heute noch 43 offenkundig nachgewiesen sind[17]). Auch in der Marienberger Kirche befanden und befinden sich heute noch einige Grabsteine, gegenüber Stephani jedoch weniger. Böhmer hat 25 aufgelistet. Wir finden das Epitaph der Frau des Amtmanns Köhler, verstorben 1711, gleich von an der Südseite, und in der Turmkapelle rechts das der Domina Catharina Ursula Cuno, Tochter eines Helmstedter Bürgermeisters, verstorben am 15. Oktober 1724. Das Epitaph entstammt der Werkstatt des Helmstedter Künstlers Michael Helwig, Kybitzstraße 25. In der linken Turmkapelle hat Hermann von der Hardt, Propst von 1698 bis zu seinem Tode 1746 und zugleich Professor an der Universität, die letzte Ruhe gefunden. An weitere Begräbnisse in alter Zeit erinnern die Epitaphe im Kreuzgang, und bis in unsere Zeit hinein wird für die Klosterbewohner der Innenhof als Begräbnisstätte genutzt. Für St. Walpurgis sind auch über 1710 hinaus insgesamt 28 Begräbnisse in der Kirche, zum Teil in einem Gewölbe, festgestellt.

Aber nicht immer sicherte das Begräbnis in einer Kirche die Erinnerung auf ewig. In der Collegienkirche am Markt/Ecke Neumärker Straße haben mindestens 35 Beisetzungen stattgefunden. Studenten, Professoren wie auch deren Angehörige liegen dort begraben. Die erste Beerdigung fand 1705, die letzte am 24. April 1808 statt. Der Universitätsquästor Ludwig Julius Urban Franckenfeld wurde am 30. Mai 1776 in einem Gewölbe in der Universitätskirche beigesetzt - NSAW 1 Kb 609, S. 464. Mit Schließung der Universität verlor diese Kirche ihre eigentliche Aufgabe. Die Orgel soll 1810 in die Kirche St. Marienberg, das Gestühl in das Juleum und die Glocke in das Landesmuseum nach Braunschweig gekommen sein. Die Gruft mit den 35 Helmstedter Universitätsangehörigen wurde zugeworfen. Aus einer Akte aus dem vorigen Jahrhundert konnte ich ersehen, dass sich jemand darüber beschwerte, dass Arbeiter sich gegenseitig mit den Schädeln der dort Bestatteten bewarfen.

Der größte Friedhof außerhalb der eigentlichen Stadtmauern war der der Neumark um Kirche und Kloster St. Marienberg. Noch vor einigen Jahrzehnten konnte man dort einige Grabstellen an den Eisenkreuzen erkennen. Erhalten geblieben ist nur noch das der Christiane Louise Weigel am Eingang des Kirchhofs. Das Kreuz ist ziemlich verwittert, der Name ist noch lesbar, das Todesjahr, 1864, ist nur noch aus den Akten zu ermitteln. Auf der Rückseite kann man den Satz: „Sanft ruhe ihre Asche“ gerade noch entziffern.

Dagegen sind von unserem „Alten Friedhof“ an der Gustav-Steinbrecher-Straße sämtliche Grabmonumente verschwunden. Noch im letzten Weltkrieg erinnerte mancher Stein an die eigentliche Nutzung dieser Anlage. Mit dem Einzug der Amerikaner wurde der „Alte Friedhof“ Abstell- und Übungsplatz für Panzer und Lkw. Er wurde uns in einem verwüsteten Zustand zurückgegeben. Seitdem gibt es dort keine Erinnerung mehr an die Toten des vorigen Jahrhunderts.

1871 war der Friedhof um die Marienberger Kirche nahezu belegt, obwohl man ihn 1847 noch einmal hatte erweitern können. Es kam 1872 zu einem Ankauf von zwei Morgen Land am Pastorenweg „Auf der Klappe“. 1873 gab es dort die erste Beerdigung, auch die erste Leichenhalle wurde in jenem Jahr für 215 Taler errichtet. 1896 kaufte die Stadt weitere vier Morgen, nunmehr rechts vom Pastorenweg an, obwohl Probebohrungen ergeben hatten, dass in den Gruben Wasser stand. 1929 hatte die alte Friedhofskapelle ausgedient, eine neue und heute noch bestehende wurde gebaut[18]).

Der Friedhof der katholischen St.-Ludgeri-Gemeinde befand sich ebenfalls unmittelbar an der Kirche. Hier wurde bis 1838 beerdigt. Damals zählte die Gemeinde etwa 250 Seelen, heute sind es 4.000. Dann wich man auf ein Gartengrundstück Ecke Magdeburger Tor/Harbker Weg aus. Am 20. Mai 1838 war dort die erste Beerdigung. 1888 war dieser Friedhof nahezu belegt. Zunächst beabsichtigte man deshalb, das Gelände zwischen dem Magdeburger Tor und dem Tangermühlenweg gegenüber dem heutigen Arbeitsamt anzukaufen. Schließlich entschied man sich für ein Gelände unmittelbar am Stephani-Friedhof. Der katholischen Kirchengemeinde wurde deshalb eine Fläche von einem Morgen dort überlassen, wo sich heute noch ihr Friedhof befindet. Auf der alten Stätte am Harbker Weg befindet sich heute ein katholischer Kindergarten.

Ein weiterer, aber schon seit 100 Jahren nicht mehr benutzter Friedhof befand sich an der heutigen Juliusstraße auf dem freien Gelände zum Batteriewall hin. Er diente den Bewohnern des Georgienhofes als Begräbnisstelle. Die vielen Helmstedtern noch unter dem Namen Jürgenhof bekannten Gebäude wurden im Dezember 1968 abgerissen. Sie standen an der Südseite des Harsleber Tores. Ursprünglich war dieser Hof ein Spital, in dem Aussätzige, also Menschen mit einer ansteckenden Krankheit lebten. Zu dem Bereich gehörte auch die Georgskapelle Neumärker Straße/Juliusstraße (heute Juweliergeschäft).

Der Hof wurde im 18. Jahrhundert der zur Stadt gehörenden Armenverwaltung übergeben. Die ihm weiterhin zustehenden Einkünfte, wie z. B. Zinsen aus Kapitalien und Pachtgelder, kamen damit in die Armenkasse. Nachdem es kein Hospital mehr war, wurden die Wohnungen an Familien auf Lebenszeit gegen ein geringes Entgelt – zuletzt 100 Taler – vermietet.

Diese sogenannten Hospitaliten hatten das Recht, im Garten des Hospitals beerdigt zu werden. Das war der im vorstehenden Absatz genannte Friedhof. Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden die Wohnungen ohne Sonderrechte vermietet. Aber auch diese Mieter wollten nicht auf Marienberg beerdigt werden. Dem schloss sich der dortige Pfarrer du Roi an. Der Magistrat der Stadt widersprach jedoch diesem Begehren, das Konsistorium schloss sich dem durch Entscheidung vom 20. August 1861 an. So war diese Begräbnisstelle nur noch für die letzten drei Hospitaliten geöffnet. Mit deren Ableben konnte sie endgültig geschlossen werden.

Kommen wir zum vorletzten Begräbnisplatz: dem der Juden in Helmstedt.

Im Mittelalter beerdigten die Juden ihre Angehörigen in der Nähe des Lappenberges (auf dem Gelände der heutigen Post und Nord/LB). Mit dem erkauften Abzug der Glaubensjuden, die letzte Familie verließ 1485 Helmstedt, hatte dieser Friedhof keine Bedeutung mehr. Er verfiel. Erst in der Franzosenzeit, Anfang des vorigen Jahrhunderts, durften sich Juden wieder in Helmstedt ansiedeln. So gab es 1812 eine israelitische Gemeinde. Deren Vorsteher, der Geldwechsler Moritz Lehmann, wandte sich an den Magistrat und bat um Überlassung einer eigenen Begräbnisstätte am sogenannten Schwarzen Berge an der heutigen Emmerstedter Straße. Wahrscheinlich wurde dieser Vorschlag nach Absprache mit der Stadt gemacht, denn der Platz auf dem Gelände der heutigen Hellac lag weit draußen und bestand nur aus Sand und Heide. Die jüdische Gemeinde erhielt 1813 diese Stelle zugewiesen. Von dieser Zeit an fanden dort auch Juden aus der Umgebung ihre letzte Ruhe, so z. B. 1821 ein Kind aus Weferlingen, weil es in diesem Ort keinen jüdischen Friedhof gab.

1873 will die jüdische Gemeinde ihren Platz einfriedigen. Ihr Vorsteher, der Kaufmann Friede, Papenberg 1, erbittet von der Stadt 400 Taler als Zuschuss für den Bau einer Mauer. Es stellt sich aber heraus, dass diese zu teuer wäre. Man verhandelt deshalb wegen eines anderen Platzes, der von vornherein entsprechend geschützt und der auch so beschaffen ist, dass zum Schmücken der Gräber Blumen mit Erfolg angepflanzt werden können. So bekommt die jüdische Gemeinde an der Magdeburger Straße einen neuen Friedhof, auf dem 1892 mit dem Begräbnis des Herrn Friede die erste Beerdigung stattfindet.

Was aber sollte mit dem alten Friedhof am Schwarzen Berge werden? Der Vorsteher der israelitischen Gemeinde war bereit, ihn der Stadt zu überlassen. Das aber stieß auf den Protest des Landesrabbiners Dr. Rulf aus Braunschweig, denn die Veräußerung eines jüdischen Begräbnisplatzes sei durch Gesetz und Herkommen streng untersagt. Der Rabbi verwies auf die Stätten, die über Jahrhunderte hinaus, so z. B. der alte Friedhof in Prag, der in Berlin sogar an einer verkehrsreichen Straße, erhalten geblieben sind und weiter erhalten werden. Er hätte auch den in Worms nennen können.

So wurde über den nicht belegten und damit allerdings auch größten Teil des ca. zwei Morgen großen Geländes verhandelt. Interessiert am Erwerb war die Helmstedter Glas- und Flaschenfabrik, denn der verlassene jüdische Friedhof lag unmittelbar hinter ihrer Fabrikationsstätte. Das Unternehmen brauchte Sand zur Herstellung seiner Produkte. Die Verkaufsverhandlungen wurden bald abgebrochen. 1905 wurden sie erneut aufgenommen. Gesprochen werden konnte aber nur noch mit dem Dr. Rulf aus Braunschweig, denn um diese Zeit gab es eine jüdische Gemeinde in Helmstedt nicht mehr. Nun konnte man aber den genutzten Teil des Friedhofes nicht mehr erkennen, denn inzwischen waren alle Gräber verfallen und von der Natur eingeebnet. Man ließ folglich die Angelegenheit auf sich beruhen.

Es kam der Erste Weltkrieg. Die Produktion – auch von Glas – hatte gegenüber der Pietät Vorrang. Die Glashütte beutete das Gelände einfach aus. Der Friedhof verschwand. 1938 wurde die Sache wieder aufgegriffen. Eine jüdische Gemeinde gab es in Helmstedt weiterhin nicht. Das Grundstück „Am Schinderkamp“ - in dieser Flur lag der Friedhof - wurde öffentlich aufgeboten und schließlich die Stadt Helmstedt im Grundbuch als Eigentümerin eingetragen. Sehr wahrscheinlich gehört es heute noch der Stadt, denn 1943 erging die Verfügung, dass, da das Volkswagenwerk wegen des reichen Sandvorkommens Wert auf diese Grundstücke legt, es nicht anderweitig, allenfalls nur an dieses Unternehmen verkauft werden dürfe.

Auch um die Walpurgiskirche herum wurde beerdigt. Nach Paul Jonas Meier besaß die Kirche die Taufgerechtigkeit „trotz des in ihr befindlichen Taufsteins nicht, dagegen besaß sie noch im XVIII. Jahrh. Begräbnisrecht“[19]). Äußerlich erkennbar ist dies durch den großen Grasplatz um die Kirche herum und durch den an der Außenwand (zur Walpurgisstraße hin) angebrachten Grabstein der Marie Catharine Cherubim geb. Calixt, gestorben am 18. Dezember 1706, Ehefrau des Zweiten Bürgermeisters Martin Albert Cherubim. Vor diesem Epitaph liegen weiter zwei Steinsärge bzw. deren Abdeckungen.

Aber auch innerhalb der Kirche befinden sich Gräber. Robert Schaper hat in einer privaten Aufzeichnung allein 28 aufgelistet. Nicht dort, aber auf dem eigentlichen Kirchhof kam auch mancher zur letzten Ruhe, der unverschuldet tödliches Opfer einer strafbaren Handlung geworden war. So wurde am 1. Mai 1636 Christoph Müller auf dem Walpurgis-Kirchhof begraben. Ihn hatten, es war im Dreißigjährigen Krieg, „zwei Soldaten gehauen und gestochen, das er also bald tot bleiben und folgend dienstags am 3. Mai auf St. Walpurgis Kirchof begraben“ (so das Kirchenbuch). Am 9. Februar 1644 wurde dort ein Henning auf dem Löwenbleek in der Neumark (heute Braunschweiger Straße 32, Herberge zur Heimat) so auf den Kopf geschlagen, dass er tödlich verletzt wurde. Wenige Wochen später wurde vor dem „Lüderschen Thor“ (Ludgeritor) Henning Kiene erschlagen und ebenfalls auf St. Walpurgis bestattet. Ein Jahr später war es jemand, der sich „bei dem brauen im heißen Wasser verbrannt“ hatte. Am 25. Februar 1654 wurde ein Kind begraben „bei den alten Fleischscharren, des morgens, funden worden, ist gewesen, eben als es vom Mutterleibe kommen, … von der Rabenmutter hat man nichts erfahren können.“ 1657 brachte eine Mutter ihr nichteheliches Kind dadurch um, dass sie „dem Kinde mit dem Daumen die Kehle eingedrückt“. Die Mutter wurde im Nordertorteich ersäuft und danach anatomiert, das Kind auf St.-Walpurgis beerdigt.

Auch Selbstmörder fanden dort ihre letzte Ruhe, so die Dienstmagd Margaretha. Sie war am 17. Oktober 1674 um 5:00 Uhr morgens in einen Brunnen gesprungen und hatte sich so das Leben genommen. Ihre letzte Ruhe fand sie auf Walpurgis „wobei ein wenig geläutet und gesungen wurde, (aber ohne Beisein eines Predigers)“. „Sine lux sine crux“ (ohne Licht, also bei Dunkelheit, oder ohne Kerzen, ohne Kreuz) wurde am 5. Februar 1652 G. Beseken, Verwalter des Klosters „Unserer Lieben Frauen auf dem Berge“ (Marienberg) „bei der Feldvogtei, außerhalb des Kirchhofes an der Mauer“ beerdigt. Er hatte sich vier Tage vorher in seiner Kammer erschossen. Die Feldvogtei war im Hause Braunschweiger Tor Nr. 4. Es zeigt heute noch über dem Eingang mit dem Pferd das sogenannte kleine herzoglich braunschweigische Wappen des Fürstentums (siehe dazu das Kapitel „Das Helmstedter Stadtwappen“).

Ebenfalls ohne Sang und Klang wurde eine Bedienstete der Universitätsapotheke am 26. Oktober 1679 an der Mauer auf dem St.-Walpurgis-Kirchhof beigesetzt, sie hatte „das Unmuth Ratzenpulver zu sich genommen“ (Rattenpulver). Dass es in diesen bedauerlichen Fällen auch anders gehen konnte, zeigt die Eintragung unter dem 5. März 1697. Die Ehefrau des Daniel Kleiberg hatte ebenfalls Rattenpulver eingenommen und war drei Tage später daran gestorben. „Ist dennoch auf gnädigste Verordnung des Geh. Fürstlich. Consist. auf St. Stephani-Kirchhof nahe der Stadtmauer, bei der Kalkkuhle begraben.“ Beim Leichenbegängnis wurde gesungen: „Erbarm Dich mein“, und in der Kirche wurde eine Trauerpredigt gehalten, die mit dem Segen geschlossen wurde.

Trösten wir uns damit, dass vor Gott alle Menschen gleich sind und dass er auch den Sündern, denen die Kirche auf ihrem letzten Wege den Beistand verweigern zu müssen glaubte, seine Gnade erwiesen haben wird.

Beenden wir dieses von viel Leid handelnde Kapitel mit einem Eintrag in dem evangelischen Kirchenbuch vom Juli 1793: „auf einem Montage ist unerfahrener weise der Pater-Kellner N.N. vom Closter St. Ludgeri des Morgens um 5:00 Uhr, in dem großen Graß Garten eben berührten Closters, auf den Kopf in einen Graben gestürzt, und hat auf diese Art elend sein Leben verloren.“ N.N. heißt, dass der (eigentliche) Name dem Kirchenbuchführer unbekannt geblieben ist.

Einzelnachweise

  1. Arnold Rabbow: Braunschweigisches Wappenbuch – Die Wappen der Gemeinden und Ortsteile in den Stadt- und Landkreisen Braunschweig, Gandersheim, Gifhorn, Goslar, Helmstedt, Peine, Salzgitter, Wolfenbüttel, Wolfsburg. Braunschweig 1977, S. 59.
  2. Braunschweigisches Jahrbuch. Chronik des Braunschweigischen Geschichtsvereins von Mai 1951 bis März 1952. Band 33. Braunschweig 1952, S. 162.
  3. Autorenkollektiv: Alteuropäische Schriftlichkeit, Kurseinheit 7, S. 8, herausgegeben von der Fernuniversität Hagen 1987
  4. Wilhelm Eule: Helmstedter Universitätsbuchdrucker, Helmstedt 1921, S. 14
  5. Robert Schaper: Das Helmstedter Häuserbuch, Helmstedt 1974 unter Kybitzstraße 5
  6. Iris Schrader: Der Helmstedter Universitätsbuchdrucker Jacobus Lucius I. und seine Nachkommen in Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der Vereinigung Ehemaliger Helmstedter Gymnasiasten, Helmstedt 1950
  7. Iris Schrader: Der Helmstedter Universitätsbuchdrucker Jacobus Lucius I. und seine Nachkommen in Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der Vereinigung Ehemaliger Helmstedter Gymnasiasten, Helmstedt 1950
  8. Erich Schrader: Ist der Aviso, die älteste norddeutsche Zeitung, in Helmstedt gedruckt? in Festschrift der Vereinigung Ehemaliger Helmstedter Gymnasiasten, 1950
  9. Wilhelm Eule: Helmstedter Universitätsbuchdrucker, Helmstedt 1921, S. 43
  10. Joachim Lehrmann: Die Frühgeschichte des Buchhandels und Verlagswesens in der alten Universitätsstadt Helmstedt sowie die Geschichte der einst bedeutenden Papiermühlen zu Räbke am Elm und Salzdahlum, Hämelerwald, 1994, Seite 11 ff.
  11. Wilhelm Eule: Helmstedter Universitätsbuchdrucker, Helmstedt 1921, S. 55
  12. Artur Brüggemann: Rund um den Juleumsturm, Helmstedt 1983, Seite 88
  13. Wilhelm Schrader: Helmstedter Ratsgeschlechter im Helmstedter Kreisblatt Mai – Juli 1951
  14. Roon, Albrecht Theodor Emil, Graf von (1803–1879) war preußischer Generalfeldmarschall, Kriegsminister und ab 1873 Ministerpräsident
  15. a b Rudolf Kleinert: Friedhof und Bestattung in Helmstedt. Helmstedt 1976, S. 5.
  16. Artur Brüggemann: Rund um den Juleumsturm. 2. Auflage. Helmstedt 1983, S. 86.
  17. Hans Adolf Schultz: Die Grabmale in braunschweigischen Kirchen – St. Stephani-Kirche in Helmstedt. In: Braunschweigische Heimat. Band 49, 1963, S. 100–108.
  18. Rudolf Kleinert: Friedhof und Bestattung in Helmstedt. Helmstedt 1976, S. 11–12.
  19. Paul Jonas Meier: Die Bau- und Kunstdenkmäler des Landkreises Helmstedt. Wolfenbüttel 1896, S. 75.